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Erschienen
Lingenfelder Gospelchor stellt „Jesus on the main line“
01/2008
Alte Bekannte waren Anfang Dezember in der Hockenheimer Evangelischen Stadtkirche, um die diesjährigen Jazz- und Bluestage einerseits, den Hockenheimer Advent andererseits ausklingen zu lassen: Der Gospelchor Lingenfeld lockte bei seinem sechsten Auftritt in der Rennstadt gut 600 Besucher in das Gotteshaus, das sich für diesen Anlass ganz besonders stimmungsvoll herausgeputzt zu haben schien: Warm strahlten die Herrnhuter Sterne durch das Kirchenschiff, in dem sich die gespannten Zuhörer drängten, als der Chor mit seinen 50 Sängern durch den Mittelgang Einzug hielt.

Was danach folgte, war ein wirkliches Wechselbad der Gefühle - mal aufrührerisch und stark durchrhythmisiert, mal ganz zärtlich und beinahe verhalten steuerte der Gospelchor aus der Nähe Germersheims mal durch ruhige Gewässer, mal durch aufgepeitschte See, das Publikum, das begeistert und gleichzeitig hoch konzentriert lauschte, immer ganz dicht im Schlepptau.

Das ist, was der Gospel will: Die „gute Nachricht“ in mitreißende Musik verpacken und so dem Zuhörer näherbringen – spirituelle Erfahrung mit Ohren, Mund und Herzen.

Das gelingt den Profis aus der Südpfalz bei jedem ihrer Konzerte spielend, wenngleich oder gerade eben weil sie sich nicht wie die meisten Chöre ihres Genres darauf beschränken, den afro-amerikanischen Stil nachzuahmen, sondern einen ganz eigenen, höchst individuellen, für das europäische Ohr aber eben auch sehr eingängigen Stil entwickelt haben. Dieser transformiert sowohl bekannte, als auch weniger bekannte Beispiele der traditionellen und zeitgenössischen Gospel- und christlichen Musik und bereitet diese in einer berührenden, sehr aufgeheizten, immer sehr atmosphärischen Weise auf, wobei meist ein deutlicher Schwenk in Richtung Pop eingeschlagen wird, was die Werke, wenngleich teilweise schon älter, erstaunlich frisch wirken lässt. Die Lingenfelder und vor allem deren Gründer und musikalischer Leiter Meinhard Emling haben dadurch eine Art „Gospop“ geschaffen, mit dem man seit 33 Jahren tourt und der grandiose Erfolge verbuchen konnte.

Zu diesen gehörte ohne Frage auch dieses Konzert, das einmal mehr einen Rausch der Begeisterung, auch der inneren Bewegtheit unter den Zuhörern wie den Sängern gleichermaßen auslöste.

Dabei waren es gar nicht nur die Titel, die den frenetischen Jubel motivierten. Zwar konnte man mit dem Gene Maclellan-Titel „Put your hand in the hand“, einem „Traditional gospel medley“ oder dem aus dem Musical „Phantom der Oper“ entliehenen „Wishing you where somhow here again“ schon deutlich punkten, aber was den ungebrochenen Reiz der Lingenfelder ausmacht, ist neben dem großen musikalischen Gespür vor allem deren Talent für eine besondere Atmosphäre, zu dem neben der sehr guten Inszenierung mit grandioser Begleitband und einer stimmungsvollen Licht-Choreographie die vielen exzellenten Sänger im Chor und in den Soli beitrugen: Auf Tuchfühlung mit den Zuhörern und immer spürbar mit ganzem Herzen bei der Sache.

So konnte Uli Rembur mit warmer, sehr weicher Stimme und enormer emotionaler Kraft mit „Bless the Lord“ oder dem rassigen „Chosen“ überzeugen, Sabine Schutzius fegte mit „What do you call him?“ durch den Mittelgang und brachte nicht nur eine glasklare, äußerst vertraute Stimme mit, sondern auch den Habitus einer echten Power-Frau, die selbst bei eingefleischten Stimmungs-Verweigerern spontanes Mitklatschen auslöste. Sicherlich der Star des Abends und sowohl an Energie als auch an stimmlicher Präsenz kaum zu toppen: Annette Holländer, die zusammen mit Rembor eine ganz atemberaubende Interpretation des Ray-Charles-Titels „Heaven help us all“ und im Solo mit ihrer extrem kultivierten, sehr biegbaren Stimme, die sich im freien Spiel mit den Tönen ganz besonders heimisch fühlte, eine spannende Interpretation von Bill Withers „Lean on me“ ablieferte.


Nach zwei Stunden gab es keinen Zweifel mehr, dass der Lingenfelder Gospelchor einmal mehr die Herzen der Hockenheimer erobert hat, von denen manch einer dem Chor beim Hinausgehen noch eine Zeile aus Michael W. Smiths „You are holy“ summte: „I will follow, I will listen, I will love you all of my day“ (ich folge Dir, höre auf Dich, liebe Dich bis zum Ende meiner Tage).



Weitere Informationen im Internet unter http://www.gospelchor-lingenfeld.de