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Carminati / Franchini
Erschienen
Jazz Tales
01/2008
Verlag edel classics GmbH, Hamburg
128 Seiten / ca. € 35,00
Musik ist zum Hören da, aber sie schreibt auch Geschichte. Ob die Sex Pistols mit „God shave the Queen“ oder Wagner mit dem Tristan Akkord. Aber Musik ist auch immer ein Zeichen der Zeit. Die Sex Pistols zeigten der Öffentlichkeit eine neue Mode und die aktuellen Casting Shows bringen austauschbare Musik an austauschbare Hörer. Musik ist also immer mehr als das reine Hören. Die Earbooks des edel Verlags bringen Musik, Bilder und Text zusammen. Das sieht manchmal einfach nur schön aus, bringt ein anderes Mal eine Menge Hintergrundinfos. „Jazz Tales“ ist anders. Schön ist das Buch auch, denn die vielen Porträtfotos der Künstler sind einfach angenehm anzuschauen. Aber das Buch ist mehr. Die vielen Interviews, aus dem der Textteil des Bandes besteht, zeichnen ein Bild von engagierten Musikern – oft ohne andere Perspektiven – wie sie gegen eine feindliche Welt ihr Leben und ihre Musik stellen. Das gibt dem Lächeln eines Tommy Flanagan eine anderen, tieferen Bedeutung, lässt die irgendwie auch erschöpft wirkende Ella Fitzgerald in nur einem Bild auf ihr Leben zurückblicken und lässt uns Betrachterin dem in seiner Musik entrückten Gesicht von Art Blakey die Musik als eine Zuflucht für wahrscheinlich sonderbare Menschen in einer absonderlichen Welt erkennen.

„[Der Polizist] hatte noch nie einen schwarzen neben einem weißen Kerl in einem Auto sitzen gesehen“ „... ich wachte in einem Krankenhaus auf“. Jazz und Amerika lagen im Krieg. Die Schwarzen eroberten mit ihrer Musik eine Öffentlichkeit, die ihnen von der mit der Unterdrückung der Nigger gut lebenden Masse nicht gegönnt wurde. Plötzlich wurde dem White Trash die Schicht genommen, die sie von dem unteren Ende der Gesellschaft trennte.

In Zeiten von farbigen Außenministern in Amerika kommen einem solche Geschichten wie Relikte aus einer unvorstellbar lange vergangenen Epoche vor – die Realität sieht lieder immer noch anders aus. Zurück zur Musik. Auf vier CDs bringt „Jazz Tales“ die passende Untermalung zu den Interviews. Dabei handelt es sich nicht um eine musikalische Bestandsaufnahme des Themas Jazz, sondern um musikalische Zitate zu den im Buch zu Worte kommenden Menschen. Und darin besteht der grundsätzliche Wert dieses Bandes: Musik, Leben und Bilder von besonderen Menschen zu präsentieren. Jetzt ist nicht jeder Jazzer gleich ein guter Mensch oder ein Weltverbesserer. Oft zeigen die Schilderungen, dass versucht wurde, einfach nur gut zu leben. Aber die Texte erzählen von besonderen Menschen in einer besonderen Zeit. Da können heutige Acts, die mit ihrer schweren Kindheit Kohle machen wollen, mal erfahren, wie man intelligente Musik trotz verheerender Lebensverhältnisse lebt.

Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird Jazz mit anderen Ohren hören. Der Jazz als reine Musik ist historisch wichtig und für viele die einzige Art, guter Musik. Aber nach diesen beeindruckenden Bildern und den bewegenden Geschichten der Musiker gewinnt der hier präsentierte Jazz eine so für manche neue Lebendigkeit.


Macht aus einer Musikrichtung eine nachfühlbare Geschichtsstunde.