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Dennis Smith
Erschienen
Ein Lied für Mary Irisch-amerikanische Erinnerungen
04/2001
Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach
512 Seiten / DM 14,90
"Ich könnte, wenn ich wollte", sagt sich Dennis immer wieder, aber er will nicht. Schule ist nunmal einfach nicht sein Ding. Er will nichts als raus.

Dennis wächst in den fünfziger Jahren in New York als irischer Einwanderer der dritten Generation auf - das ändert nichts daran, dass sein Leben geprägt ist von Armut und harter Arbeit, von katholischer Erziehung und strengen Wertvorstellungen. Sein Vater ist angeblich bei einem Unfall so stark verletzt worden, dass er für unabsehbare Zeit im Krankenhaus liegen muss - erst später erfährt er, was eigentlich geschehen ist. So muss seine Mutter mit ihren beiden Söhnen von der Fürsorge leben. Da das Geld hinten und vorne nicht reich, putzt sie, wäscht und bügelt anderer Leute Hemden.

Dennis hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, und dass seine Mutter trotz aller Anstrengungen im Leben nicht spürbar vorankommt, beschäftigt ihn sehr. Wozu soll er sich anstrengen, wenn es sowieso nichts nutzt? Außerdem bringt sein großer Bruder Billy ja schon ausgezeichnete Zensuren nach Hause. Da beschäftigt er sich im Geist lieber mit seinem Vater, der bestimmt irgendwann wieder gesund werden wird und der bei seiner Heimkehr alles ändert.

Oder er träumt, statt Hausaufgaben zu machen, von seinen wechselnden großen Lieben. Da ist Sue Flanagan, für die er schon als Siebenjähriger schwärmt - nur schade, dass sie schon erwachsen ist und bald heiratet. Aber auf sie folgen andere, und so wird sein Leben mit zunehmendem Alter immer weniger von Süßigkeiten und kleinen Raufereien, vom Ministrieren und vom Kips Bay Boys Club ausgefüllt, sondern immer mehr von Marilyn und Lillian und wie sie alle heißen. Und in dem Maße, in dem die Schule unwichtiger wird, nehmen seine Kumpels an Bedeutung zu - nicht immer unbedingt die Gesellschaft, die seine Mutter für wünschenswert hält.

Sein großer Traum ist es, von der Schule abzugehen und sein eigenes Geld zu verdienen. Er hasst die strenge katholische Schule, auf die er gehen muss. Als er es schafft, aus der Obhut der Nonnen zu entkommen und auf eine staatliche Schule zu wechseln, taucht er dort nur zwei oder dreimal auf - statt dessen arbeitet er in einem Blumenladen oder schlägt die Zeit mit seinen Freunden tot. Dass das zu kleineren Gesetzesverstößen und zum langsamen Einstieg in die Drogenszene führt, ist absehbar.

Einer ungewollten Ortsveränderung verdankt der 17-jährige, dass er aus der sich abwärts drehenden Spirale der Ziellosigkeit aussteigt. Und als er drei Jahre später zurückkehrt, hat er seine Meinung geändert, was Schule und Zukunft anbelangt. Und den Sinn des Lebens. Ein wenig abgeklärt klingt es, wenn der reife Erwachsene schreibt:

Meine Mutter hat recht gehabt. Es gibt, anders als in geschichtlichen Zeiträumen, keine guten Zeiten im Leben eines Menschen. Es gibt nur verschiedene Zeiten. Vielleicht ist Zeit auch nichts anderes als eine Reihe kleinerer Schwierigkeiten und Herausforderungen zwischen den wirklich großen, und glücklich ist der, der soviel Freude und Zufriedenheit wie möglich dazwischenquetschen kann. Man muß wissen, wann man glücklich ist, das ist der Knackpunkt an der Sache, und ich glaube, ich weiß mittlerweile, wann ich glücklich bin.

Diese Suche nach dem Glück durch alle möglichen Irrungen und Wirrungen des Lebens hat sich wohl in den letzten fünfzig Jahren nicht entscheidend verändert, und so fühlt man sich in den Beschreibungen von Dennis Smith von Anfang an zu Hause. Zwar ist die Kulisse eine andere - wohl die wenigsten Leser hierzulande haben als Cowboy ihre Lebenskrise gemeistert - aber die zu Grunde liegenden Ereignisse ähneln sich doch. Und so liest sich das Buch durchaus amüsant und wenig schockierend oder anklagend.

Überhaupt ist der Grundton des Autors von Dankbarkeit geprägt : Der Junge, der er einmal war, sei dem großartigen Amerika und dessen großartigen Menschen (und nicht zu vergessen Gott) vieles schuldig. Diese Grundhaltung und der vor allem gegen Ende etwas moralische Unterton könnten das Lesevergnügen erheblich schmälern, würde Dennis Smith mit seinem ganzen Buch nicht vor allem eines tun: Seiner Mutter huldigen. Von ihr hat er seine Überzeugungen und Wertvorstellungen, ihr verdankt er unglaublich viel - und so akzeptiert man gerne, dass er ihre Gedanken weitergibt und ihre Sichtweise in den Vordergrund stellt.


In seinem leicht umgangssprachlich geprägten Stil führt der Autor uns durch die Welt seiner Kindheit - nicht nur für Amerikafreunde eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Lektüre!