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Erschienen
Wolfgang Nitschke: Geniale Zeitkritik und unerträgliche Fäkalschmähungen
02/2008
Ein neues Gesicht gastierte Mitte Januar im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ und spaltete das Publikum in einem Maß an Polarisierung, wie man es im ehrwürdigen Musentempel erst selten erlebt hat. Stein des Anstoßes: Der als „Bestsellerfresser“ bekannte Kabarettist und Rezensent Wolfgang Nitschke hatte zu einer „kleinen, familiären, intimen Stinkstiefelparty“ geladen. „Hauptsache Wind“ war sein Credo, und den machte er zum einen mit ultrakomischen und bis ins Mark entwaffnenden Witzen, die er zum größten Teil durch einfaches Vorlesen aus Bestsellern der vergangenen Jahre filterte, zum anderen aber auch mit derbsten Anwerfungen teilweise weit unterhalb der Gürtellinie, die treffen müssen, selbst wenn man den Gürtel als Schnürsenkel trägt.

Nitschke, der 13 Jahre lang der Kabarettgruppe „3Gestirn“ angehörte, hat sich eigentlich einer grundsoliden, äußerst ergiebigen und vor allem unbedingt nötigen Aufgabe verschrieben: Wachsam zu sein für den Schund, der auf vielen tausend Seiten alltäglich über die Bevölkerung hereinbricht auf den Wühltischen der Buchhändler, aber auch den Seiten der Zeitungen und den bunten Fernseh-Politmagazinen. Wohltuend verreißt er den Verbalschund der Désirée Nicks, Hape Kerkelings und Peter Hahnes – und er bräuchte eigentlich gar nicht viel zu machen dafür: Einfach nur aus den in den Gazetten teilweise so hochgelobten Ergüssen geistiger Niederkunft zu zitieren, das wäre Witz und Strafe genug. Dazwischen streut der topaktuelle Zeitgeschichts-Kommentator noch die „Dickste Dinger“ aus seinem Tagebuch, enttarnt Angela Merkels Gatten Prof. Joachim Sauer als „Phantom der Uckermark“, fragt sich, was Kardinal Meisner wohl über die eheliche Treue zu sagen hat („Über die uneheliche Treue könnt er wieder...“), kürt Günther Oettinger nach der Filbinger-Panne zum „Großmufti der Historikerzunft“ („Sie erinnern sich. Stichwort: Hitler ist immer ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus gewesen“) und lässt Hessens Ministerpräsident Roland Koch vor dem „Lügennasenausschuss“ auftreten. Gut eingefädelt, perfekt in Szene gesetzt, zum größten Teil in herzerfrischend unerwarteten Wendungen und verblüffender Stringenz. Man könnte ihn zu den politischen Kabarettisten der ersten Liga zählen. Wenn er es dabei bewenden ließe.

Dazwischen aber spickt er – mit einer fast diabolischen Freude, die ihm in jeder Sekunde anzumerken ist – seine Reden mit „Verbalinjurien, Beleidigungen, Fäkalschmähungen der fiesesten Art und untersten Schublade“, wie er das mit einem durchaus gemeinen Grinsen selbst feststellt. Da wird ZDF-Nachrichten-Lächler Peter Hahne mit seinen „christlichen Tele-Tubby-Botschaften“ zum „Evangelischen Schleim-Tsunami“ („wer sowas liest, ist nicht doof, sondern tot!“), Eva Hermanns sei ein Beispiel dafür, was passiere, wenn „Gebärmutterschleim anfängt zu sprechen“, Dietrich Grönemeyer eine „Zwischenmenschlichkeitsqualle“ und der Koran zur „1001-Nacht-Bums-Poesie“. Und damit sind nur die freundlichen Beschimpfungen genannt, weil der Unrat, den Nitschke über die Kirchen, Politiker und Prominente ganz allgemein ausschüttet, in unserem Blatt nicht wiedergabefähig ist.

Wir leben in einem liberalen Land, dessen Toleranz sich bisweilen nur mit einer Art Scheintot erklären lässt. Alles ist erlaubt, alles legitim, nichts ist unmöglich. Dennoch fragt man sich, ob es tatsächlich noch zur Kunst gehört, wenn man das mit Füßen tritt, was anderen wert und heilig ist.

Reicht es nicht, Reinhold Messner, dessen Bestseller „Gobi“ mit einem gezählten 4028-fachen „Ich“-Stakkato auf 268 Seiten wirklich nervte, in seiner Egozentrik zu entlarven? Das ist witzig, ebenso, wie die Reihung von Eduard Zimmermanns „Auch ich war ein Gauner“ als viertem Band der Helmut-Kohl-„Erinnerungen“. Aber man muss nicht angesichts noch so ungeliebter Mitmenschen „der Abschaffung der Todesstrafe hinterhertrauern“.


Kritik in unseren Tagen ist nicht einfach. Und sie wird besonders schwer, wenn man damit rechnen muss, dass sie im nächsten Programm zum Gespött weiterverwandt wird, wie Nitschke es gerne mal macht. Aber Kritik lässt sich nicht vermeiden, wenn man einen wachen Verstand haben will. Den sollte Wolfgang Nitschke bedienen. Das kann er. Auf die Beleidigungen der ganz harten Art könnte er getrost verzichten.





Weitere Informationen und vor allem die aktuellsten „Dicken Dinger“ (im Gästebuch) im Internet unter http://www.wolfgangnitschke.de

 

 

 
 

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