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Erschienen
Mord ist eine Frage des Geschmacks
02/2008
„Der Gesetzgeber soll denken wie ein Philosoph, aber reden wie ein Bauer“ –der bereits im 19. Jahrhundert proklamierte Leitsatz des deutschen Rechtsgelehrten Rudolf von Jhering ist nach wie vor reine Utopie: „Seitdem wird versucht, dass die Philosophen verquerer denken und vor allem, dass die Bauern komplizierter reden!“ Bonmots wie dieses hagelte es Mitte Januar im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“, wo der aus Schwäbisch Gmünd angereiste Kabarettist Werner Koczwara endlich die Frage lüftete: „Warum war Jesus nicht rechtschutzversichert“.

In rund 100 Minuten prügelte der sympathische Schwabe dem reichlich gefüllten Saal seine durchweg intelligenten, spritzigen, bisweilen durchaus auch bitterbösen Pointen aus dem Bereich Jurisprudenz in die Hirnwindungen. Dabei war Koczwaras größte Stärke stets der unerwartete Witz, die knochentrockene Herleitung der Realität aus einer „juristischen Logik“ heraus: „Die Zehn Gebote umfassen 279 Wörter, die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung 327 Wörter und die EU-Verordnung über die Einfuhr von Karamellbonbons 129912 Wörter“, zählte er augenzwinkernd nach, um dann aber den Wahnsinn als völlig logischen Schluss darzustellen: „Weder in den Zehn Geboten, noch in der Unabhängigkeitserklärung werden sie auch nur ein Wort über Karamellbonbons finden“. Ganz offenbar habe sich der Herrgott bei den Zehn Geboten ziemlich oft gedacht „Darum muss ich mich nicht kümmern, irgendwann kommt ein deutscher Jurist und regelt das“. Und: Er kam und regelte.

Deshalb muss der Bundespräsident in seiner Wohnung vernommen werden (§ 49 StPO), spricht das Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) von einem Grenzstein, der „verrückt geworden ist“ (§ 919 BGB) und muss unbedingt gesetzlich geregelt werden, dass es zum Abschuss einer Seenotrakete „keiner behördlichen Genehmigung“ bedarf.

Das laut johlenden Publikum quittierte jedes der juristischen Highlights Koczwaras mit tosendem Applaus und mag es uns auch nicht gelungen sein, jedes einzelne Beispiel aus dem ganz alltäglichen Wahnsinn unserer Gesetzgebung und Rechtsprechung zweifelsfrei zu verifizieren: Wichtig ist, dass ein jedes davon wahr sein könnte.

Oder gäbe es irgendjemanden, der wirklich daran zweifeln würde, dass der Bundesgerichtshof entschieden hat, dass das Vergiften des Ehemannes durch eine Suppe Mord ist – es sei denn, die Suppe habe schlecht geschmeckt, dann sei es nur Totschlag. Trösten können wir uns vielleicht damit, dass wir nicht die einzigen sind, denen ein Irrwitz dieser Größenordung eigen ist. So schreibt ein Neuseeländisches Gesetz vor: „Häftlinge müssen Gefängnisschlüssel erhalten, um im Brandfalle fliehen zu können“ und das BGB unserer österreichischen Nachbarn regelt unmissverständlich: „Ein Dieb kann einen Bestohlenen nicht verklagen, wenn das Diebesgut Mängel aufweist“.

Zwischen all die gefundenen Stilblüten aus den Gesetzen und Urteilen streute Koczwara in charmanter Unverfrorenheit eigene Ratschläge und Eselsbrücken: „Es wird so alt der brave Zeisig, wen wunderts, denn er poft ja fleißig“ in Anspielung auf das Verbot im Jagdrecht, schlafende Vögel zu erlegen oder „Finger gepaart, Geld gespart“ mit Blick auf das Urteil des OLG Düsseldorf wonach das Tippen an die Stirn mit zwei Fingern keine Beamtenbeleidigung darstellt.

Es war ein unheimlich schnelles Programm mit einer ganz bemerkenswerten Gag-Dichte – ein Destillat aus fast 20 Jahren Justizkabarett, das Koczwara gleichsam als eigenständiges Genre erst erschaffen hat. Der Mann, der bereits als Autor für „Verstehen sie Spaß“ oder die „Harald-Schmidt-Show“ seinen besonderen Hang zum schwarzen Humor unter Beweis gestellt hat, stellte damit einmal mehr unter Beweis: „Der Jurist ist ein linguistischer Neandertaler, der Worte zwar aneinanderreihen, sich aber seiner Umwelt noch nicht verständlich machen kann“. Entsprechend schwerwiegend sei der Unterschied zwischen Bibel und BGB: „Die Bibel wurde ins Deutsche übersetzt“.


Am Ende seines Abends zwangen seine restlos begeisterten Zuhörer Koczwara zu mehreren Zugaben. Und er zog dafür sein entwaffnendes Fazit: In drei Millionen Jahren gibt es nur noch Rechtsanwälte und Termiten – und es ist egal, welcher von beiden sie befällt: Hinterher ist immer das halbe Haus weg!“



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