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Ljudmila Ulitzkaja
Erschienen
Olgas Haus
04/2001
BLT bei Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach
272 Seiten / € 7,45
In zwölf Geschichten beleuchtet die Autorin das Leben in einfachen russischen Verhältnissen. Ganz unterschiedliche Menschen stellt sie uns vor, aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind im Leben vom Glück nicht besonders begünstigt worden. Wie sie trotzdem versuchen, ihre Menschlichkeit zu bewahren, beschreibt Ljudmila Ulitzkaja auf unspektakuläre und dennoch eindringliche Weise.

Die meisten ihrer Figuren stehen am Rand der Gesellschaft und haben allen Grund, unzufrieden zu sein. Kaum einer hat wirklich eine Perspektive: Finanzielle, soziale, gesellschaftliche und familiäre Grenzen lassen nur eine eingeschränkte Entwicklung zu. Manchmal auch gar keine.

Die russische Szenerie ist reizvoll anders und zugleich abstoßend. Die Autorin erlaubt einen kritischen Blick auf Verhältnisse, die auch in unserer Welt existieren, aber lange nicht so selbstverständlich zum Alltag gehören. Außenseiterdasein, Krankheit, Alkoholismus, Betteln und Stehlen. Leben am Existenzminimum.

Die Personen tragen für uns ungewöhnliche Namen, zeigen manchmal Verhaltensweisen, die uns auf den ersten Blick befremden. Alle haben sie ihre Eigenheiten und Schrullen, ihre Laster und Fehler. Alle sind sie uns sehr fremd und trotzdem irgendwie vertraut.

Etwa Berta und Matthias, die immer noch jeden Sonntag zum Grab ihres einzigen Sohnes fahren, der vor vierzehn Jahren bei einem Unfall starb. Sie finden Halt in der Erinnerung - die Geschichte ist überschrieben als "Die Glücklichen".

Oder "Die arme Verwandte" Asja, die einmal im Monat ihrer wohlhabenden Cousine einen Besuch abstattet, um zu betteln. Sie bekommt deren finanzielle Unterstützung vor allem, um sie möglichst schnell wieder zur Tür begleiten zu können. Es scheint Asja nicht zu stören, dass sie als verrückt gilt, als ein bisschen geistesschwach - und erst zum Schluss der kurzen Geschichte wird ganz beiläufig erzählt, dass Asja nicht für sich die einfältige Notleidende spielt.

Genauso beiläufig wird das Ende von "Taschen-Neles" Leben geschildert, die in äußerster Armut haust und mit akribischer Sparsamkeit wirtschaftet - dabei trägt sie in ihrer Tasche die ganze Zeit ein kleines Vermögen mit sich herum.

Oft sind es Kleinigkeiten, die plötzlich ein ganz anderes Licht auf die Situation werfen. Unvorhergesehene Ereignisse, die das Leben der Hauptpersonen und die ganze Geschichte verändern - nicht immer positiv. Und so bleibt am Ende oft ein bitterer Nachgeschmack bei so viel Aussichtslosigkeit und Leid.

Selten beschreibt die Autorin innere Vorgänge, meistens hält sie sich an die äußere Handlung. Doch die Situationen die sie auswählt, sind so bezeichnend, die Szenen so aussagekräftig, dass auf wenigen Seiten ein klares Bild der Charaktere entsteht. Die Personen werden so eindringlich geschildert, dass man sie schon nach wenigen Seiten lange zu kennen glaubt.

Ein Buch, das man mit Abstand lesen kann. Das ermöglicht eine verhältnismäßig sachliche Sicht auf die dramatischen Schicksalsschläge, auf Versuche der Bewältigung, auf Scheitern und Aufgeben.


Die Geschichten sind sperrig und oft deprimierend, das Leben darin ist hart und das Happy-End nur ein schöner Traum. Trotzdem ein lesenswertes Buch - gerade für Liebhaber leiser Geschichten. Selbst die größte Dramatik wird hier nicht breitgetreten, dafür werden die Sorgen und Nöte des Alltags genauso ernst genommen, wie sie für die Beteiligten erscheinen. Und zwischen all den menschlichen Dramen blitzt ganz unvermittelt immer mal wieder ein Hoffnungsschimmer hervor ...