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Erschienen
Hagen Rether fliegt harte Angriffe auf das Volk der Maulaffen
03/2008
„Was reg ich mich auf – ich kann mich ja nicht um alles kümmern! ... aber schön wär das schon!“ Es mag dem Publikum, das Anfang Februar die Hockenheimer Stadthalle fast bis auf den letzten Platz belegte, aus dem Herzen gesprochen haben: Man kann nicht überall sein – aber man müsste.

Genau in diese Kerbe schlug das Programm des in Rumänien geborenen, in Freiburg aufgewachsenen und inzwischen in Essen niedergelassenen („Wer Essen kennt, dem gefällts überall“) Kabarettisten Hagen Rether: Unter dem Arbeitstitel „Liebe“, der sich aus den Inhalten so gar nicht erschließt, drischt der Mann mit dem gepflegten Äußeren und dem Pferdeschwanz in einer unbarmherzigen Direktheit, gleichzeitig aber in einer gefeilten Sprache auf alles ein, was sich im Establishment, der Politik und der Gesellschaft bewegt. Er hält den Menschen den Spiegel vor – meist in Form des Hamburger Nachrichtenmagazins, dessen Cover in die richtige Reihenfolge gebracht die Medienmacht und deren Leser als intolerante, paranoide Islam-Gegner entlarven.

Das ist Rethers Methode: Er mischt beißenden Spott mit einer wirklich fundierten und intellektuell aufbereiteten Entmystifizierungstechnik. Damit schafft er es, dass selbst die äußerst harten Angriffe auf die Kirchen, die ansonsten vielleicht manch erzkatholischen Herzschrittmacher in den roten Bereich hätten laufen lassen, entweder mit einem Lachen, oder einem „recht hat er ja schon“ quittiert wurden.

So offenbarte Rether unter dem begeisterten Johlen des Publikums bezüglich Papst Benedikts „Papamobil“: „Wenn der Hirte schon Angst vor den Schäfchen hat, was macht der, wenn der böse Wolf kommt?!“ Die geistige Höhe, mit der die Symbolik und die inhaltsschwangere Selbstverliebtheit der Kirche in diesem einen Satz gegen die Institution gewandt wird, ist genial und unübersehbar und lässt selbst im tiefreligiösen Gläubigen Zweifel aufkommen: „Warum gibt’s Kirche? Weil wirs uns leisten können – wie ein Hallenbad zu viel!“

Rether, inzwischen mit Ehrungen wie dem Prix Pantheon, dem Passauer Scharfrichterbeil und seit 2008 zwei Deutschen Kleinkunstpreisen zu recht hochausgezeichnet, wird allenthalben als der Wiederentdecker, der Neuerfinder des Kabarett gefeiert; tatsächlich ist seine schmucklose Show, in der er stundenlang auf einem Bürostuhl vor dem Flügel hockt, den er jedoch nur wenig zum Einsatz bringt, weil jedes Wort alleine sitzt und trifft, eine Wohltat zwischen Klamauk und Comedy: Weil sie intellektuell herausfordert und gleichzeitig von einer schneidenden Kritik ist, die weit, sehr weit nach ihresgleichen suchen muss. Bin Laden als „der wichtigste Mann der amerikanischen Außenpolitik und der deutschen Innenpolitik“, die Religionen als „ein einziger feuchter Männertraum, in dem die Frauen immer die Arschkarte gezogen haben“, die Gefahren des Internet („dagegen ist ne Stasi-Akte ein müder Zettelkasten“) und Deutschland und Frankreich als „die empörtesten Waffenhändler der Welt“ – Hagen Rether bringt Probleme auf den Punkt, verschafft dem Ärger und der Angst Gehör und fasst das in wohlgesetzte Worte, was der Normalbürger ansonsten allenfalls in billigen Protest umzusetzen versucht.

Schäubles Durchsuchungs-Aktionismus führte Rether auf dessen Paranoia zurück: „Wir haben schon Wespen im Cockpit, jetzt setzt man noch nen Pilot mit Flugangst hinters Steuer“ – brilliant gespielt mit Bildern und Metaphern. Köhlers Unterschrift unter das inzwischen wieder kassierte Luftsicherheitsgesetz ging Rether als Angriff auf das Grundgesetz an: „Mutige Männer haben damals das Grundgesetz geschaffen, und ängstliche Männer schleifen es jetzt“.

Stundenlang plaudert er vor sich hin, wirkt teilweise fast entrückt, völlig gefesselt von der Thematik, die er selbst gerade aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Mag sein, dass deshalb ein wenig die Atmosphäre leidet: In der großen Stadthalle der eine Mensch auf der Bühne, der auf jede Show und alles Gekaspere verzichtet und alleine seine Worte wirken lässt. Er erinnert in diesem Klamauk-Tagen wie ein warmer Sonnenstrahl an die Großen seiner Zunft wie Dieter Hildebrandt und Hanns Dieter Hüsch – und er ist damit auch ein Licht am Ende des Tunnels. Er ist einer der wenigen, die im Kabarett-Geschäft derzeit tatsächlich die Stimmgewalt und die geistige Fähigkeit besitzen, die Dinge beim Namen zu nennen, sie durch den Angriff zu beeinflussen, die Führer in Angst und Schrecken zu versetzen und die schweigende Mehrheit der Maulaffen wachzurütteln. Denn gerade das Letztgenannte ist besonders schwer im Volk der Dicken und Hänger: „Das Gammelfleisch liegt bei uns daheim auf dem Sofa rum“.


In Hockenheim hat Hagen Rether bleibenden Eindruck hinterlassen. Und eine kleine Gruppe von Menschen, die bei allem Lachen und trotz guter Laune, die angesichts der angesprochenen harten Tatsachen bisweilen fast unappetitlich wirkte, nachdenklich und mit einem Funken Veränderungswillen nach Hause gingen.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.hagenrether.de.