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Erschienen
Lars Reichow bleibt auch als „Unterhaltungskanzler“ „glücklich in Deutschland“
03/2008
Das Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ ist eine ganz besondere Bühne mit einem ganz besonderen Publikum. Das wissen viele Künstler, die den besonderen Flair und das ganz vorzüglich geschulte Auditorium als Testfeld für neue Programme nutzen. Vor Kurzem war es das Chaos-Theater „Oropax“, das im ehemaligen Wasserwerk seine neue Show am lebenden Objekt prüfte. Am vergangenen Samstag Abend war eine neue Testreihe dran: Der als „Klaviator“ bekannte und beliebte Mainzer Konzertkabarettist Lars Reichow spielte zum ersten Mal einen Entwurf zum im April auf Tournee gehenden Programm „Der Unterhaltungskanzler“ – erneut mit nur einem langfristigen Ziel: „Standing Ovations in Hockenheim“.

Nachdem Reichow bereits mit seiner letzten Show „Glücklich in Deutschland“ dem allgemeinen Pessimismus in unserem Volk eine wohltuend positive Gegendarstellung verpasst hatte, will er nun selbst aktiv und noch optimistischer ins Weltgeschehen eingreifen. Deshalb verdingt er sich als – zugegebenermaßen wenig erfolgreicher - Parteivorsitzender („Insgesamt isses nischt so toll gelaufe – nach de letschte Ergebnisse siehts so aus, als wenn uns keiner gewählt hat“), vor allem aber als scharfsinniger und spitzzüngiger Analysator der politischen und gesellschaftlichen Großwetterlage.

2008 werde – „wie jedes andere Jahr auch – ein Jahr der Frau: Guido Westerwelle will Bundeskanzlerin werden“. Bei den anstehenden und zurückliegenden Wahlen „kämpfen wieder viele Köche um den Wähler-Brei – aber nur ein Koch verbrennt sich alle vier Jahre die Finger an der selben Stelle“. Tja, und wenn man nach Frankreich schaut, dann ist dort „alles Égalité“: „Sarkozy ist Staatspräsident und benimmt sich, wie ein deutscher Wimbledon-Sieger“.

Eine gute viertel Stunde mussten Reichows Zuhörer auf das erste Lied warten, mit dem er gleich einen Rundumschlag auf die „Experten ohne Fachgebiet“ landete: „Ich tus in Deinem Namen“ proklamierte er als angehender Politiker, der zwar schon lange nicht mehr wisse, „was draußen in der normalen Welt passiert“, der es aber stets nur gut mit seinen Wählern meine.

Ohne Frage sind es die Lieder, mit denen Reichow auch diesmal wieder am meisten punkten kann: Mal sanft, mal ekstatisch, immer voll Wortwitz und vor allem immer vollgestopft mit Botschaften.

Mal träumt er von einem Land, in dem Eisbären ohne Fernsehteams aufwachsen können, in dem Kurt „so viele Stammwähler hat, dass er sie nicht mehr suchen muss“ und das Wahlen abhält, „bei denen es keiner nötig hat, am rechten Abgrund zu fischen“. Mit intellektueller Größe, immer mit viel Ironie, stets treffend und berührend sind seine Texte und Melodien.

Dazwischen kommt dann der beißende Spott, der die einzig verbliebene Tugend der Deutschen in Europa herauskitzelt: „Wir sind dick“. Wenn früher die Pünktlichkeit noch als deutscher Wert durchgegangen wäre, sei es heute nur noch „die Unbeirrbarkeit bei der Einhaltung des Essenszeiten“. Das habe aber gerade im Hinblick auf die Jugendgewalt erhebliche Vorteile: „Die ham se auf der Flucht schnell eingeholt!“

Wie jeder große Politiker gibt Lars Reichow als „Unterhaltungskanzler“ Antworten auf große Fragen: Warum lesen Männer keine Romane, wo kommen die Krümel auf dem Boden her und was tut man gegen den Dekorationswahn, der allenthalben im Herbst bei Frauen ausbricht?

Zwei Stunden redete, erzählte, schwadronierte und vor allem sang der längst mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnete künstlerische Ziehsohn Hanns Dieter Hüschs von Dingen, die die Welt bewegen und von vielem, das vor allem seine Zuschauer berührte: „Ich habe Angst“ als eine bipolare Hymne auf Furcht und Unterdrückung, dazwischen eine musikgewordene Karrikatur Deutschlands zwischen Fußball, Derrik, Ratzinger und Hartz IV und dann den in Töne gefassten Rausschmiss der dicken Deutschen aus den beliebtesten Urlaubsländern: „Dicke Deutsche dürfe nix Hotel! Dicke Deutsche mache kaputt Bettgestell!“.


Der „Unterhaltungskanzler“ wird bis zu seiner offiziellen Premiere am 19. April in der Mainzer „Phoenixhalle“ noch einige Veränderungen erleben. Aber Lars Reichow ist sich damit treu geblieben: Als Beobachter und barmherziger Fürsprecher für die „Jammertaler oben auf dem Berg“ und als Neuauflage seiner Zukunftshymne „Glücklich in Deutschland“. Die unglaubliche Aufregung, die der Künstler vor seiner ersten Vorpremiere hatte, war charmant und für das Publikum durchaus eine Ehre. Notwendig war sie nicht: Routiniert fand Reichow auch als Unterhaltungskanzler den richtigen Ton und stets die Stelle, an der es weh tut. Stehende Ovantionen sind ihm nicht nur in Hockenheim sicher.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.larsreichow.de .

 

 

 
 

©:www.larsreichow.de