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Erschienen
Zupfgeigenhansel Schmeckenbecher ist noch immer Kämpfer für Tradition und Vielfalt
03/2008
Es war der Reformsozialist Jean Jaurès, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Satz „Einer Tradition treu zu sein, bedeutet, der Flamme treu zu sein und nicht der Asche“ prägte. Diesem Leitmotiv folgt seit vielen Jahren der schwäbische Liedermacher und Volkslied-Sänger Erich Schmeckenbecher mit einer fast unglaublichen Kraft und Vehemenz. Mitte Ferbuar gab der charismatische Barde, der vor seiner Solo-Karriere seit 1996 vor allem durch die großen Erfolge, die er in den 1970er und -80er Jahren zusammen mit Thomas Fritz als Folk-Duo „Zupfgeigenhansel“ feierte, bekannt wurde, ein neues Beispiel dieser vor Lebensenergie und Botschaft strotzenden künstlerischen Mission: Vor vollbesetzten Haus gabe er im Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ eine anrührende und aufrüttelnde Melange eigener Lieder und neu aufpolierter Volkslieder, die das Publikum ausnahmslos begeisterte.

Dabei verfolgte Schmeckenbecher hehre Ziele. Es geht dem 1953 in Stuttgart geborenen Vertreter einer großen Liedermacher-Ära um die wo „wunderbar klingende, gut ausgetüftelte“ deutsche Sprache, vor allem aber um eine neue Sicht auf den Begriff und das damit verbundene Gefühl der „Heimat“; um einen Gegenpol zu setzen sowohl zur in der globalisierten Welt für uns längst zum Standard gewordenen selbstverleugnerischen Fremde auf der ganzen Welt auf der einen, dem falsch verstandenen Heimatbegriff im Nationalismus auf der anderen Seite nimmt Schmeckenbecher dabei gerne auch in Kauf, als „verstaubt“ zu gelten. Er macht es mit viel Gefühl, mit viel Geist und einer ganz gehörigen Menge Witz. Warm und weich ist seine Musik und genau so emotional und zärtlich die Texte, die er damit transportiert – perfekt auf die erdig-wohlige Stimme des Künstlers angepasst. Und wer sich die Mühe macht, Text und Musik als Einheit zu hören, der entdeckt schnell, dass die scheinbare Patina das bunte Schillern der gehörigen Aktualität ist, die Schmeckenbecher auch Titeln wie dem bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts populär gewordenen „Kein schöner Land“ entlockt: „Nun haltet hier auf Erden Wacht, dass sie nicht fällt in Todesnacht. Sie zu behüten in ihrer Güten, seid wohlbedacht“.

Mit dieser Bestimmung hat er im vergangenen Jahr eine – übrigens auch optisch ausgesprochen wertvolle – CD veröffentlicht: „Erich Schmeckenbecher 2007“ beging – im Nachhinein – sein 30-jähriges Bühnenjubiläum mit einer Sammlung neuer und wohlbekannter Lieder, die seine Botschaft auf den Punkt brachten und dadurch weitaus mehr wurden als „Aldi Lidl für eine Hand voll Penny“.

Auch wenn singen heute allgemein als „uncool“ gilt, genoss der Mann mit dem markanten Bärtchen und dem verschmitzten Grinsen jede Textzeile, die sein Neulußheimer Publikum gemeinsam mit ihm sang – und sie taten es eifrig. Ob „Ade zur guten Nacht“ oder „Zogen eins fünf wilde Schwäne“, stets hatte Schmeckenbecher bei den Volksliedern einen Chor auf seiner Seite, der unter Beweis stellte, dass die alten Melodien und Verse so aus der Mode gar nicht sind.

Besonders beeindrucken konnte er aber natürlich mit seinen eigenen Liedern, die er auf eine bemerkenswerte Weise gleichsam auf das Neulußheimer Publikum zuschnitt. So hatte er im zur Garderobe umfunktionierten Heimatmuseum die umfangreichen Angaben zu Auswanderungsbewegungen im 18. und 19. Jahrhundert gesehen – und mit seinem Lied „Ein stolzes Schiff“ einen emotionalen und berührenden Apell an die „Unterdrücker“ und „Volksbetrüger“ gerichtet, die die Brüder aus der Heimat vertrieben. Auch hier mit einer ständigen Verdeutlichung, dass keine Zeile allein die Vergangenheit meint, sondern all das gegenwärtiger ist, denn je. Wenig später atmete sein jiddisches Lied „Oj, dortn, dortn“, das als Synonym für Auschwitz ebenfalls den Verlust der Heimat, aber auf dem noch existentielleren Weg der Deportation aufgriff, den Protest des weltgewandten, äußerst scharfsinnigen Liedermachers dagegen, dass in eben jener Ausstellung im Heimatmuseum das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus völlig ausgespart ist.


So zeigte sich Erich Schmeckenbecher als ein wohltuender Kämpfer für kulturelle Tradition und gleichzeitig künstlerische Mannigfaltigkeit; das ist er mit seiner Musik, mit seiner menschlichen Haltung und vor allem mit jedem seiner Worte : „Was wir heute haben ist nicht Vielfalt – es ist vervielfachte Einfalt!“



Weitere Informationen im Internet unter http://www.polkart.de.