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Erschienen
Richlings Bundesregierung ist Satire und der Wähler sieht alt aus
04/2008
Wer den Feind besiegen will, der muss das auf dessen Territorium tun – die Vergegenwärtigung der alten Kriegsstrategie macht klar: Will man einer Angela Merkel beikommen, dann darf man sich mit ihr nicht nur als Politikerin auseinandersetzen. Nein, dann muss man auf dem Gebiet angreifen, wo sie sich wirklich auskennt - in der Physik.

Absolut folgerichtig hat der schwäbische Kabarettist Mathias RichlingAnfang Märzmit seinem neuen Programm „E=m·Richling²“ in der Hockenheimer Stadthalle die ganze Sache von ihrer naturgesetzlichen Seite angegangen und stellte vermittels zweier Thesen vor großem Haus das gesamte Dilemma unseres Polit-Kosmos dar. Der allgemeinen Relativitätstheorie zufolge vergeht die Zeit generell langsamer: Wo früher in dreißig Jahren noch zwei Weltkriege, zwei Währungsreformen, Weimar und Hitler stattgefunden hätten, könne heute in der selben Zeit nicht einmal das Rentensystem saniert werden. Die spezielle Relativitätstheorie besagt darüber hinaus, dass in der Politik die Zeit innerhalb der unterschiedlichen Systeme auch noch unterschiedlich schnell vergeht: „Der Politiker auf dem Weg zur Macht altert langsam, während der Wähler, der von Außen zusieht, alt aussieht“.

In einem eineinhalbstündigen Redemarathon brachte Richling nonstop die für diese ebenso revolutionären wie treffenden Thesen unbedingt notwendigen Beweise.

So leitete er in einer fast unglaublichen Brillanz her: „Warum haben wir nicht jeden Tag Wahlen – dazwischen läuft doch eh nix“, folglich haben wir nur eine „gefühlte Bundesregierung“ und die mache nicht „Politik aus einem Guss, sondern allenfalls Politik fürs Handwaschbecken“. Zur Untermauerung schlüpfte der mehrfach hochdekorierte Kabarett-Veteran, der inzwischen mit Bruno Jonas den legendären „Scheibenwischer“ moderiert, wieder einmal in die unterschiedlichsten Rollen. In einer höchst treffenden Persiflage proklamierte er als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den „Wegwerfrentner“: „Die Batterie am Herzschrittmacher wird nicht mehr ausgetauscht, weil ein neuer Rentner einfach billiger ist“. Als Innenminister Schäuble kommentierte Richling, dass es Leute gäbe, „die rennen freiwillig zur Domina – Folter hat also auch etwas mit Luscht zu tun“; er enttarnte Klaus Zumwinkel als „Uri Geller der Moral“ („Alles, was mit Moral zu tun hat in diesem Lande ist verbogen“) und topaktuell Andrea Ypsilantis Glaubwürdigkeitskrise („Die wäre auch glaubwürdig, wenn sie zum Parteichef Roland Koch ernennen würde“) als Problem des SPD-Chefs Kurt Beck: „Wir wollen Kurs halten – mal hier hin, mal da hin“. Zum hochgeistigen und satirischen Höhepunkt legte er Angela Merke („Ich bin von Geburt aus Kanzlerin“) auf Sigmund Freuds Couch und kumulierte dessen Analyse in die zwar amüsante, aber doch höchst veritable Diagnose: „“Sie haben den Staat geheiratet und den Wähler erstochen und die Macht als Ersatzkind geboren“ – mal darüber nachdenken, dann tut die Wahrheit erst richtig weh.

Was Mathias Richling da im Rennstadt-Musentempel abzog, war eine seiner bekannten Shows, bei denen das Bühnenbild – diesmal eine einheitsdeutsche Großbaustelle mit eingerüsteter Erdkugel und ausreichend Gartenzwergen fürs vorgegaukelte Heimatidyll – allenfalls Staffage ist dafür, dass er endlos vor sich hinplaudern kann; immer ein wenig gehetzt, immer so, als bliebe nicht genug Zeit, um alles zu sagen, was gesagt werden muss. Und tatsächlich wünschte sich das Publikum am Ende der pausenlosen Seitenhiebe, die nicht nur trafen, sondern dabei teilweise eine atemberaubende Genialität mit wohltuender sprachlicher Eleganz verbanden („An Lüge und Beschiss, da infiziert sich jeder – an Wahrheit und Moral steckt sich keiner an“), lautstark johlend und minutenlang applaudierend deutlich mehr – unersättlich nach den Wahrheiten, die Richling schonungslos und hochdosiert verabreichte.


Das neue Richling-Programm ist ein erneuter Beweis für den Genius, aber auch den ungebrochenen Sendungswillen eines Kabarett-Großmeisters, der im nächsten Jahr nach 35 Jahren Bühnenpräsenz beweisen wird, dass kritische Potenz keineswegs mit dem Alter abnehmen muss. Nur ein Richling ist Garant für Sätze, die den ganzen großen Polit-Zirkus auf einen Punkt bringen: „Die größte Satire auf das Deutsche Grundgesetz ist seit sechzig Jahren die jeweilige Bundesregierung“.



Weitere Informationen im Internet und vor allem Fotos der unzähligen Rollen Mathias Richlings unter http://www.mathias-richling.de.


 

 

 
 

©:www.mathias-richling.de