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Erschienen
"Eure Mütter" zwischen "Hakle feucht" und "Boston-Tier-Party"
04/2008
Vor drei Jahren ernteten sie noch einen Verriss für ihren Auftritt im „Pumpwerk“. Mitte März ging es - nicht nur deshalb – im Hockenheimer Kulturzentrum erneut um die Frage „Louvre oder Scheißhaus?“ Dass die drei Schwaben, die sich dem Recall zu stellen hatten, diesmal zwar nicht mit weißer Weste, aber wenigstens nicht mit braun verschmierten Händen aus der Nummer rauskamen, zeigt einmal mehr: Der Mensch, auch der, den die Evolution nur zum Comedian gedacht hat, ist entwicklungsfähig.

„Eure Mütter“ nennt sich das Comedy-Dreigestirn aus dem wilden Süden, das dereinst vor allem durch hirnleere Phrasen auf sich aufmerksam machte. Inzwischen ist aus dem, was die drei Jungs zu bieten haben, tatsächlich so etwas wie ein Programm geworden. Ihren dritten Abendfüller überschrieben Andi Kraus, Don Svezia und Matze Weinmann mit dem nicht ganz unerotischen Titel „Nix da ,Leck mich!‘ Auf gehts!“, womit sie nicht nur einen Hingucker im Termin-Vorschauheft des Musentempels platzierten, sondern sich insbesondere auch alle Optionen offenhielten: Genius oder blanker Wahnsinn. Man darf sagen, nach fast zehn Jahren auf der Bühne haben sich die drei unerschrockenen Selbstdarsteller wirklich gewandelt: Von der unterirdischsten Kloake von einst immerhin zum „Scheißhaus im Louvre“ in unseren Tagen.

Entsprechend war „Leck mich“ ein unablässiges Ringen um auf den zweiten Blick durchaus oberwitzigen Pointen, die mehr als je zuvor einen ansonsten eher unappetitlichen Fäkalbrei aus Gags und ungeschickten Slapstick-Versuchen aus der unteren Schublade deutlich versüßten. Man kann sogar so weit gehen, festzustellen, dass die giftigen Lückenfüllern nach dem Motto „eine Rapper-Parodie ist immer für einen Lacher gut“ inzwischen durch so etwas wie geistige Grundlagen richtig genießbar werden: Der einstige Urschrei durchs kognitive Neandertal hat bei den Jungs ein vielleicht sogar schon geniales Echo ergeben – früher machten sie sich nur zum Affen, heute können sie bereits mit ihrer Umwelt kommunizieren.

So präsentierten die Drei neue Lieder über so wichtige Themen wie „Trägt der Mann von Heute unten Haare?“ oder „Ich habs Gefühl, es gibt keine Frau, die noch nicht nackt im Internet zu sehn ist“ oder eben den Winterreifen, bei dem sich – natürlich – letztendlich die Verbindung zur Verhütungsthematik förmlich aufdrängt.

Insgesamt ist aus der reinen Fäkal-Semantik von einst so etwas geworden, wie ein wenn auch noch nicht recht kultivierter, so doch zumindest zielgerichteter Diskurs mit den kommunikativen und zwischenmenschlichen Tabus unserer Zeit: Nicht der Skandal alleine reizt, sondern das, was dahintersteckt. So das Lied um die „morgendliche Toilette und was ich tät, wenn ich ‘Hakle feucht‘ nicht hätte“ oder der wirklich grundkomischen Beweis, was man nicht alles tut „für einen guten Witz“ – da schreibt man durch die kalte Küche einer riesen Organisation eine fast schon künstlerische Botschaft: „Der Typ, der bei der GEMA die Titel eintippt, ist ein ganz großer Penner“.

Entsprechend gut war die Stimmung: Bereits das zweite Lied des Abends versetzte das Publikum geradezu in Ekstase, die – trotz des deutlich abfallenden zweiten Programmblocks, in dem neben der GEMA-Nummer allenfalls das Endergebnis des in der Pause durchgeführten Malwettbewerbs mit Biancas ganz neuer Sicht auf den Beginn des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges als „Boston-Tier-Party“ wirklich punkten konnte – bis zum Schluss und der inzwischen legendären Zugabe mit einer auch ästhetisch sehr nett gemachten Endausscheidung im „Synchron-Haarewaschen“, nicht abzubrechen schien.


Es ist nach wie vor absolut indiskutabel, dass die Anhäufung von völlig sinnleeren Verbal- und Lebensäußerungen der „Mütter“ in keinem Schöpfungsplan vorgesehen gewesen sein kann. Aber inzwischen sind die Auswirkungen nicht mehr lebensbedrohlich und man kann ohne größere Gesundheitsrisiken sagen: Wen kümmern schon Evolutionspläne, wenns einfach Spaß macht?!



Weitere Informationen im Internet unter http://www.euremuetter.de.