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Erschienen
Spannende Vielfalt bei Internationaler Gitarrennacht
04/2008
Wie man eine so enorme Menge Vielfalt in die Zeitspanne von nur zweieinhalb Stunden bringen kann, ist erstaunlich und grenzte - wieder einmal - an ein Wunder, als der aus Laudenbach stammende, längst weltweit geschätzte und auch gefeierte Ausnahme-Gitarrist Claus Boesser-Ferrari Anfang März im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ seine jüngste „Internationale Gitarrennacht“ präsentierte: Zusammen spannten die vier Künstler des Abends einen weiten, einen mal atemberaubend schönen, dann wieder aufrührerisch-antreibenden Bogen aus Klängen, Melodien und Gefühlen.

Auch das versetzt den erstmaligen Gitarrennacht-Besucher ohnedies, die regelmäßig anwesenden Fans der ganz besonderen Veranstaltungsreihe aber auch immer wieder in Erstaunen: Wo bekommt dieser Boesser-Ferrari seine Gast-Künstler her? Allein durch die Vermittlung des graumähnigen Gitarren-Experimentalisten gaben sich in der Vergangenheit hauptsächlich Musiker, deren Namen einen ganz eigenen Klang mitbringen, die Pumpwerk-Klinke in die Hand. Nun hat man dieser langen Liste großartiger Künstler drei weitere Namen hinzugefügt.

Den Anfang machte der aus dem westlichen Ruhrgebiet angereiste Fingerstyle-Spezialist Peter Kroll-Ploeger, der einen perfekten Einstieg in dieses „Vielfalts-Programm“ anbot. So punktete er mit einer feinen Mischung aus genialer Zupf- und Schlagtechnik, mit der er in „10 past 11“ ein leichtes Gespinst aus Motiven erschuf, das alles Liedhafte zugunsten eines farbenfrohen Klanggemäldes verdrängte. Sanftmütig auf der einen Seite, als er sein tiefgründiges „Why ask why“ mit atemlos fesselndem Pathos gab, das leichte Klirren seiner Fingerpicks auf den Saiten als einziger Verbindung zum Diesseits, dann von fast haltloser Extrovertiertheit mit seiner Adaption der „Spiderman“-Filmmusik, die er äußerst dramatisch umsetzt, mit einem wabernden Grundton, auf den hart die Motive aufgesetzt sind.

Ein perfektes Wechselbad der Stile sicherte gleich im Anschluss der französische Gitarrist Michel Haumont, der warm und weich französische Eleganz, musikalische Emotion und technische Perfektion miteinander vereinen konnte: Jeder Lauf, jede Nuance beherrschte der Mann mit den flinken Fingern meisterhaft und bis ins Detail und präsentierte doch vor allem das blanke Gefühl des Tonmalers als Künstler am Farbkasten seines Instruments. So transportierte Michel Haumont den liedhaften Charakter eines altpariser Chansons ebenso spannend und fesselnd, wie die Hommage an einen alten Gitarren-Meister, als Haumont in „Mr. Picking“ auf dem stark motiviert hüpfenden Grundgerüst eines prominenten Basses spielerisch, liebevoll und mit enormem Groove die Töne Feste feiern lässt. Mit seiner unerschöpflichen Phantasie und der dazutretenden perfekten Technik begeisterte der Franzose sein Publikum uneingeschränkt.

Dylan Fowler aus Wales trat mit einem wieder völlig anderen, sehr charakteristischen Stil an, der zunächst mit einem zurückhaltenden, fast bescheidene Ton daherkam, dabei aber umso spannender und reizvoller, als er in ein weiten dynamischen Spannungsfeld eingebaut war, das Aufmerksamkeit fesselte und Begeisterung befreite. Entspannt, fast unbeteiligt saß der Künstler auf der Bühne, während er einen rasanten Lauf um den anderen wand, unangestrengt und von einem natürlichen Esprit, der sich ohne Verluste aufs Publikum übertrug. Gleich danach schwenkte der charismatische Künstler komplett um, bot harte Töne und kraftvolle Rhythmik an, ein fokussiertes Schlagen, pulsierendes An- und Abschwellen des Tones, Klopfen und Überstreichen der Saiten – einen reichen Schatz an Stilmitteln, den man ansonsten vorrangig von Claus Boesser-Ferrari kennt.

Dieser hatte sich an diesem Abend soweit bescheidet, dass in der Pause schon Zweifel aufkamen, ob der Mann mit den experimentellen Klängen wohl diesmal gar nicht auftreten möchte. Er tats zur Erleichterung aller im zweiten Teil, wo er zunächst auf einer beeindruckenden 12-Saitigen Slide-Guitar-Style mit dazwischenmontierten fast klassisch-melodiösen Parts verarbeitete, danach aber doch wieder zum guten alten abgeschabten Instrument griff, um – diesmal neu dabei - Pfeifen, quietschendes Reiben, schepperndes Knarren zu seinen aus der Vergangenheit bekannten Klangelementen hinzuzufügen, die Boesser-Ferraris Spiel nicht nur die immer wieder überraschend neue Spannung verleihen, sondern ihn auch zu einem Gitarristen machen, der aus dm Instrument deutlich mehr herausholt, als jeder seiner Kollegen.


Spannend dann der Schlusspunkt, zu dem peu à peu alle Künstler zusammenkamen und ein vorgegebenes Boesser-Ferrari-Motiv durch den eigenen musikalischen Mixer jagten – spannend und vor allem extrem faszinieren.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.boesser-ferrari.de, http://www.michelhaumont.com, http://www.kroll-ploeger.com.