2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Überraschungs-Glückskekse beim rasanten Theatersport von "DRAMA light"
05/2008
Beim Durchzählen war es schnell ermittelt: Besonders viele Neulinge hatten sich Anfang April ins Hockenheimer Kulturzentrum “Pumpwerk” zur Einladung des Improvisationstheaters “DRAMA light” gewagt, um einer so genannten „Theatersport-Session“ beizuwohnen. Wobei dabei keineswegs an das passive konsumieren eines Theaterabends gedacht werden darf, wie das üblicherweise von statten geht, sondern Publikum und Schauspieler eine Art Theatergemeinschaft bilden, in der alles nur gemeinsam möglich wird (siehe auch Stichwort): „Impro ist wie ein Glückskeks: Man weiß nie, was rauskommt, aber es macht doch immer irgendwie Sinn“, so die aus dem Odenwald angereiste Sabine Strobach, die zusammen mit ihren vier männlichen Theaterkollegen diesen Abend bestritt.



Stichwort: Theatersport

Unter „Theatersport“ versteht man ein Format des Improvisationstheaters. Dieses zeichnet sich grundsätzlich dadurch aus, dass zuvor nicht einstudierte Szenen von den Schauspielern spontan und ohne größere Absprachen gespielt werden: Weder Schauspieler noch Publikum weiß im Vorfeld, was auf der Bühne passieren wird. Die Themen kommen oft aus den Reihen des Publikums auf Zuruf; in den schnellen Formen des „Improtheaters“ werden durch verschiedene Zwischeneinwürfe die momentanen „Bilder“ immer wieder in eine neue Umgebung, Zeit oder Situation verlagert und so ein spannungsgeladener und rasanter Handlungsablauf erreicht. Als oberste Maxime im Improvisationstheater gilt die Spontanität der Schauspieler

Im „Theatersport“, einem vom englischen Regisseur und Schauspieler Keith Johnstone in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten Format, treten Theatergruppen oder auch einzelne Schauspieler in einem Wettstreit gegeneinander an, bei dem das Publikum sowohl die Szenen vorgibt, als auch die Punkte verteilt. Entstanden ist diese Theaterform ursprünglich, um die in Großbritannien vorherrschende Zensur für Theaterstücke zu umgehen. Von Johnstone stammt auch der Satz, der Wohl und Wehe des Improvisationstheaters am besten umschreibt, das mehr als alle anderen Schauspielformen vom einzelnen Spieler abhängt: „Bin ich inspiriert, geht alles gut, doch versuche ich es richtig zu machen, gibt es ein Desaster.“





Theater-Session auf höchstem Niveau

Ganz klassisch wurden die kurzen Szenen, die spontan und ohne Proben nach den Vorgaben aus dem Publikum zusammengestellt wurden, vom Pianisten Danny Jaffé begleitet, der am Flügel und Keyboard mit einer enormen Genialität die einzelnen Szenen untermalte und dennoch ganz bescheiden im Hintergrund blieb, um den Schauspielern die offenen Fläche nicht einzuengen.

Die griffen entsprechend schnell und ungehemmt Raum: Erstaunlich rasch hatten sich Ensemble und Publikum aufeinander eingestellt, die einen riefen willig Szenenvorschläge nach vorn, die anderen setzten sie ebenso schnell wie genial in Handlungen um. Da kann dann in einer „Freeze“-Aufwärmrunde, in der durch Zuruf schnell Handlungsstränge unterbrochen und unter neuen Vorzeichen weitergeführt werden, das Verkaufsgespräch über eine Deluxe-Toilette direkt in die Zahnarztpraxis führen, wo auf die falsch gesetzte Spritze, die „ins Auge ging“, nur noch der Feuerlöscher gegen den Chili-Brand hilft.

Ähnlich rasant ging es dann auch in der eigentlichen Theatersport-Session zur Sache: Die vier Mimen traten gemeinsam gegeneinander an, wobei jeder immer zugleich Schauspieler, Regisseur, Autor, Bühnenbild und Showeffekt war. Keine Frage, dass beim Aufeinandertreffen so vieler spontaner Ideen manche Szene zunächst äußerst skurril wirkte; da wird dann das Zähneputzen in verschiedene Zeiten transformiert, sodass Steinzeitmenschen aufeinander losgehen und mittelalterliche Mönche Sätze sagen wie „Was Gott mir gab, mein größte Sorge ist, das zu pflegen“. Diese kleinen Keimzellen einer großen Idee brachten teilweise sehr kurze Szenen hervor, entwickelten sich bisweilen aber auch zu ganz enormen Geschichten, bei denen man kaum glauben mochte, dass nicht doch durch irgendeinen Trick Absprachen und Vorgaben umgesetzt würden – aber eben das ist das faszinierende am Improtheater: Der besondere Reiz des unglaublich Spontanen.

So gab der hünenhafte Frank Zimmermann in einer Friedhofsszene „mit wenig Worten“ als auferweckte Leiche ein „Pass auf Dich auf“ auf den Weg. Sabine Strobach gab in „Szene mit Gromolo“ in einer selbsterdachten Kunstsprache Erläuterungen zu „Rechtlichen Genehmigungsverfahren für Staubsauger in Tiefseegewässern“ an. Jürgen List, ohne Frage der charakterstärkste und phantasievollste Theatersportler des Abends, setzte die markanten Eckpunkte der herausragendsten Szene des Abends, als er in einer nicht ganz freiwilligen Doppelrolle als Kommissar und Butler einen Mord aufzuklären hatte; eben solche kleinen Pannen, die gerade durch das Nichtvorhandensein von Absprachen auftreten, sind das Salz in der Theatersuppe: „Ist das der Kommissar oder die Leiche – ich bin mir nicht mehr ganz sicher!“ Der Publikumsliebling und Sieger der Session, Stefan Hillebrand, schließlich brillierte mit einer Szene „Erster Kuss im Stile Franz Kafkas“: Eine dem Vorbild würdig skurrile Verwicklung um Absurdes in einer tragenden Sprache – „Bin ich Töpfchen oder Deckelchen“ flankiert dann einen wilden Zeitenwechsel. Und hinter den auf den ersten Blick zunächst einmal komisch klingenden Dialogen entdeckt sich nicht selten eine unglaubliche Tiefsinnigkeit: „Ich habe Dich vom Fenster aus gesehen.“ – „Ich sehe Dich jeden Tag zwei Reihen vor mir in der Schule.“ – „Macht Liebe blind?“


Als nach zwei Stunden Theatersport alle Schauspieler gemeinsam noch einmal wie im Zeitraffer aus der hohlen Hand alle Einzelszenen des Abends miteinander verbanden, stand eines fest: Am Improtheater hat Hockenheim Gefallen gefunden. Und wenn man „immer zwei Blicke nach vorne werfen“ muss, dann sollte es mit diesem Abend nicht genug sein!



Weitere Informationen im Internet unter http://www.drama-light.de.