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Erschienen
„Mainzer Hofsänger“ bringen Kraft statt Klasse
05/2008
Sie haben in diesem Jahr bereits einmal für Aufsehen gesorgt, als sie Ende Januar ihren eigentlich traditionellen Auftritt bei der Mainzer Fernsehprunksitzung „Mainz bleibt Mainz“ überraschend abgesagt hatten, nachdem es mit dem Haussender ZDF zu Querelen wegen des Programms gekommen war – die Fans hatten die „Mainzer Hofsänger“, die längst so etwas wie eine Institution der „Fünften Jahreszeit“ geworden waren, dabei auf ihrer Seite. Wenngleich die 18 Sänger um ihren musikalischen Leiter Michael Christ natürlich trotzdem bei zahlreichen Auftritten ihr besonderes Faible für die närrischen Tage unter Beweis stellten, hatte sich der Chor ohnedies seit einigen Jahren einem breiteren Betätigungsfeld zugewandt und inzwischen sogar Kirchenkonzerte einstudiert.

Ein solches gestalteten die Mannen, die bei aller Offenheit für Neues dem durchschnittlichen Konzertbesucher dennoch vor allem im Clownskostüm in Erinnerung sein dürften, auf Einladung des Hockenheimer „Lions Club“ Anfang April in der Evangelischen Stadtkirche. Die Hockenheimer waren dem Ruf der „Lions“, die einen guten Zweck mit dem Benefizkonzert verfolgten, das zur weiteren Ausstattung des bereits seit längerem laufenden Suchtpräventionsprojekt an den Grundschulen der Verwaltungsgemeinschaft diente, zahlreich gefolgt und füllten das Kirchenschiff bis auf wenige „billige Plätze“: Die gute Tat und der Nimbus des bekannten Namens der „Mainzer Hofsänger“ bildeten dabei eine spannende und erfolgreiche Mischung.

Programmatisch setzte der Chor mit der 80-jährigen Tradition voll und ganz auf weithin bekannte Stücke und echte „Gassenhauer“: Prachts „Morgenrot“, Bizets „Agnus Die“, César Francks „Panis angelicus“ und das wohl bekannteste Kirchenlied, Dmytro Bortnjanskyjs „Ich bete an die Macht der Liebe“, prägten den ersten Programmblock. Dabei zeigten die „Mainzer Hofsänger“ bereits mit ihrem Einstieg, Anton Bruckners „Ecce sacerdos“, ihre Konzeption auf, die sie bis zum Ende des Konzerts ohne größere Variationen durchzogen: Einen weiten dynamischen Bogen von einem pianissimo zum fortissimo zu spannen. Dabei fühlten sich die Männer vor allem in den lauten Passagen sichtlich zuhause – nicht immer zum Vorteil der transportierten Musik.

Nun muss man sich bei einem Chor dieses Bekanntheitsgrades nicht mehr über technische Qualität, rhythmisches Stehvermögen oder harmonische Präzision unterhalten – sieht man einmal ab vom verstimmten Klavier, an dem Pianist Andreas Leuck sich redlich abmühte, wurden diesbezüglich die Kriterien erfüllt. Was dem Chor allerdings in einer erstaunlichen Systematik fehlte, war das Engagement, die persönliche Interpretation, die eigene, charakteristische Note, das Gefühl für die Botschaft und vor allem der emotionale Tiefgang.

So wirkte die Darbietung insgesamt eher hölzern und oberflächlich und einige der Solopartien ließen deutliche Zweifel daran aufkommen, wie der Chor selbst zumindest an das Gebotene herankommen kann. Völlig verquast wurde da Amanda Mc Brooms „The Rose“, das vor allem in der Interpretation Bette Midlers rührende Berühmtheit erlangte, mit kraftloser Stimme, ohne Farbe und ohne jeden Ausdruck, dafür aber mit einem Gestus, der allenfalls der Grammy-Gewinnerin angestanden hätte. Und das wohlbekannte „Jerusalem“ des Duos Ihlau und Adams blieb mit einem zwar stimmlich sehr angenehmen, aber deutlich zu schwachen Solo-Tenor und einem eher mittelmäßigen Bassisten bereits weit vor den Stadtmauern stecken: Ein Moment, in dem man sich ein Hockenheimer Eigengewächs herbeiwünschen konnte, in Erinnerung daran, mit welcher Brillanz und emotionalen Bewegtheit an gleicher Stelle Günter Stalter einst das Friedenslied gab.

Keine Frage: Das Publikum war – man ist versucht, ein „trotzdem“ einzuflechten – begeistert. Reichlicher Applaus zeugte davon. Den zollten die Zuhörer aber dem Ohrwurm und nicht der Kunst – kein Wundern, denn daran bestand gar nicht das Hauptinteresse des Auditoriums, was die rund 500 Menschen klar unter Beweis stellten, als sie Leucks beeindruckendes Orgelzwischenspiel, das vielleicht den eigentlichen künstlerischen Höhepunkt des Abends brachte, zum Smalltalk nutzten und verplapperten.

Zwar taute der Chor im zweiten Programmblock, der hauptsächlich mit gängigen Spirituals im Stile „Kum ba yah“, „Amen“ und „Oh happy day“ bestückt war, spürbar auf. An der Neigung zur Kraft statt der erwartbaren Klasse änderte das allerdings nichts; den einzigen wirklichen Lichtblick setzte der Solo-Tenor Stefan Zier, der in mehreren Beiträgen mit einer schlanken, biegbaren Stimme, sehr viel Feingefühl und einer überzeugenden emotionalen Botschaft aufwarten konnte. So ging nach rund eineinhalbstündigem Programm in den stehenden Ovationen ein Gesellschaftsabend und kein Kunstwerk zu Ende.


Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Hockenheim selbst Chöre hat, die den Vergleich mit den „Mainzer Hofsängern“ keinesfalls scheuen müssen – und dass am Ende wenigstens alles einem guten Zweck dient.

 

 

 
 

©:www.mainzer-hofsaenger.de