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Erschienen
Mauerblümchen Martina Schwarzmann lässts „Lebn schee sei“
11/2008
Was passiert, wenn man ein Mauerblümchen ins gleisende Licht zerrt? Entweder es verwelkt, oder man entdeckt, dass es ganz so unscheinbar, wie immer gemeint, doch nicht ist.

Ein gutes Beispiel für diese These hat am vergangenen Donnerstag die bayrische Kabarettistin Martina Schwarzmann im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ geliefert: Da steht eine junge Frau – mehrfach betont noch nicht dreißig – auf der Bühne, der man die Pädagogik-Studentin noch am ehesten abnehmen würde; ein wenig steif, immer wieder ein klitzekleines bisschen verlegen. Und doch mit einer derart fesselnden Ausdruckskraft, dass die Menschen im Publikum jedem Wörtchen, jeder der sparsamen Gesten, jedem Zucken in der Mimik gespannt folgen. Das ist umso erstaunlicher, als dem aktuellen Programm „So schee konns Lebn sei“ ebenso wie der Schwarzmann im Allgemeinen auch nur jeder Hauch von Sensation völlig abgeht: Sie plaudert sich mehr als zwei Stunden durch kleine Alltagserlebnisse und Geschichten von Nebenan – und doch könnte sie es noch stundenlang weitermachen, wenn es nach dem Willen ihrer Zuhörer ginge. Dass darunter auch einige eingefleischte Schwarzmann-Fans waren, bewiesen nicht nur die lange im Vorfeld bereits ausverkauften Karten, sondern auch mitgebrachte Wunderkerzen, zu den Geschichten passende Plüschtiere und das gegen Ende hin aufgespannte „We love you“-Transparent. Bei diesem Auftritt war das aber nicht die Aktion einiger versprengter Spinner, sondern ganz klar der einhellige Tenor des gesamten Saales.

Genau das ist eben auch Schwarzmanns Masche: Die gelernte Köchin, die später auch die Köln Comedy Schule besuchte, arbeitet mit viel Liebe zum Detail an diesem Image des unschuldigen, vielleicht sogar etwas naiven Mädchens vom bayrischen Lande. Die unscheinbare Frisur, die immer wieder korrekt gerückte Brille, das vollständige Fehlen einer jeden Bühnenperformance – alles verleiht Martina Schwarzmann etwas wohltuend unaufgeregtes in diesem sonst so schrillen Showbiz. Und es erlaubt ihr, so machen derben Spruch rauszulassen, ohne das auch nur eine Sekunde der Ruch des Ordinären aufkommen könnte. Das F-Wort, für das Ingo Appelt regelmäßig verbale Dresche kassiert, bringt sie mit einem verlegenen Lächeln – und natürlich nur des Reimes wegen, „weil nudeln hätt net bosst“. Und selbst der Osterhase muss – weil heutzutage erwartet werde, dass er Playstations legt, statt Ostereier – muss dran glauben: „Er hot sich ’n Arsch aufgrissn für die Kinde r- un jetzt isser dot“.

Das Publikum liebt diese goldige Geschichtenerzählerin mit ihrem köstlichen Dialekt und wartet auf das nächste charmante Strahlen, das über ihr Gesicht geht – eine sonnige Wohltat, weil man doch lieber den letzten Schabernack vom Oktoberfest hört, wo sie sich „alte bayrische Traditionen eifolln lasst“, als das Elend von den KfW-Milliarden. Lieber Schwarzmanns „Erdnussflips-Micado-Spiel“ zur Kontrolle des Hüfthosen-Sitzes bei den „greisligen“ Ü30-Parties, als den Pflegenotstand deren Trägerinnen. Lieber „Wir müss‘n pimpern für‘n Fried‘n“ als Versorgungslücken-Horror.

Und tatsächlich: Martina Schwarzmanns Themen sind federleicht und doch zwischen den Zeilen oft mit viel Kritik - durchaus auch solcher an der Gesellschaft – verbunden. Sie bietet klassisches literarisches Kabarett, das gut unterhält, nicht abgleitet in den meist seichten Duktus der landläufigen Comedy. Kein Wunder, dass sie längst vor ihrem ersten Auftritt im legendären „Ottis Schlachthof“, als Gastgeber Fischer sie mit einem „Schwarzmann ist für alte Knaben eine von den schönsten Gaben“ adelte, mit Preisen der Kritik geradezu überhäuft wurde, so mit dem „Passauer Scharfrichterbeil“ und zuletzt im vergangenen Jahr mit dem Bayrischen Kabarettpreis in der Sparte Musik und dem Deutschen Kleinkunstpreis.

In Hockenheim gehörte zu den ganz großen Highlights ohne Frage ihr Philosophieren um das „G’schiss“ vom „Sperl Willi seiner Frau“, die durchaus melancholisch-nachdenkliche Episode vom misslungenen weil nur getrennten Auswandern des „Kletzn-Sepp“ und seinem „Feverl“ und ihr Titellied „So schee konns Lebn sei“, mit dem sie ihre warme, ungekünstelte Stimme und ihre unaufgeregte Gitarrenbegleitung in Perfektion vorführen konnte und eine Lanze brach für „die Leit, die zufriedn sin mit nix“: „Kimmt imma druf oh, mit wellem Maßstab ma misst“.


Als Martina Schwarzmann vom frenetischen Schlussapplaus wohlverdient eine um die andere Zugabe abgerungen bekam, ist das Erfolgsrezept der Musikkabarettistin, die von sich selbst sagt „für ä Künstlerin bin i scho recht normal“, einmal mehr aufgegangen: „Mir glengt, dass i woas, dass i kannt, wenn i woin dat!“



Weitere Informationen im Internet unter www.martina-schwarzmann.de.