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Erschienen
Ars vitalis drehen in Hockenheim ihr eigenes Ding
11/2008
Wenn das Absurde auf den Wahnsinn trifft, wenn das Skurrile im musikalischen Gewand daherkommt, wenn manisches Irrewerden und Hintersinn ein Tänzchen wagen, dann sind diese drei Herren sicherlich nicht weit: Seit nunmehr fast dreißig Jahren ziehen Klaus Huber, Peter Wilmanns und Buddy Sacher als „Ars vitalis“ durch die Lande und versammeln eine unübersehbare Fangemeinde um ihre Bühnen. Nicht so, als die drei inzwischen etwas angeknitterten Jungs Mitte Oktober im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ der Kunst die für sie so typisch geballte Lebenskraft einhauchten und gleichzeitig entlockten: Dünn gesät waren die Zuschauer in den zumeist leeren Reihen – was dem Abend zumindest bezüglich der Bühnenperformance aber keinerlei Abbruch tat. Sicher war die Atmosphäre im Auditorium nicht ganz so ausgelassen, wie das bei „vollem Haus“ zu erwarten gewesen wäre, doch zeigten sich die Herren auf der Bühne weder enttäuscht, noch gebremst: Angeknautscht waren da – aus reiner Tradition – nur die Anzüge, die Besitzer zogen aber ihr Ding durch, als wären sie laut umjubelt in einem der großen Veranstaltungssäle der Republik, wo sie sich üblicherweise die Ehre geben. Für Enttäuschungen sind die hochdekorierten Künstler, die unter anderem bereits die „St. Ingbert Pfanne“, den „Prix Pantheon“ und den „Deutschen Kleinkunstpreis“ einsacken konnten, viel zu sehr beseelt von ihrer Sache.

Was die „Sache“ ist, die im neuen Programm „Fernwehen“ Reinkarnation feierte? Das wird wohl niemand beantworten können. Denn „Ars Vitalis“ tritt mit einer kruden Mischung aus aberwitzigen Standup-Situationen in einer irgendwie international wirkenden Kunstsprache, pathetisch poetischen Gedankenfetzen zu allen passenden und vor allem vielen unpassenden Themen, zwischen Genie und komplettem Wahnsinn pendelnden musikalischen Beiträgen und vor allem mit sich selbst als Projektionsflächen von Kunst und Klamauk auf. Dieser völlig durchgedrehte Veitstanz um das Goldene Kalb des Undefinierbaren erschließt sich freilich nicht Jedermann; das soll er aber auch gar nicht. Denn eines der ganz großen künstlerischen Mittel dieser Kulturartisten ist die überraschende Art, mit der sie selbst ihr langjähriges Publikum vor den Kopf zu stoßen verstehen: Nie das Gewohnte, unter keinerlei Umständen das Erwartete und auf jeden Fall nie das, was passen würde.

So lösten sie auch in Hockenheim dort schenkelklopfende Begeisterung, in der anderen Ecke stirnrunzelndes Kopfschütteln aus, als sie mit der ihnen so charakteristisch eigenen Art musikalische Versatzstücke bekannter Titel aus Pop, Chanson, Jazz und Blues gleichsam mit der Kettensäge zerlegt zu einem orgiastischen Klumpen neuer Musik formten. Da war sie wieder, diese Eigenart, Bekanntes vorzuhalten, um etwas völlig Unterwartetes daraus zu fabrizieren. Da darf sicherlich auch mal ein Laubsauger mitspielen, ein Metronom zur Combo treten und die Nase in die Deko aus alten Lappen geschnäuzt werden. Die Kopfschüttler mögen bedauern, dass drei so begnadete Musiker ihr Talent für „so etwas“ hergeben. Denn das sind sie ohne Frage und auch von ihren schärfsten Kritikern anerkannt: Drummer Klaus d Huber drischt auf sein Instrument ein, als gäbe es kein Morgen, findet aber sofort danach wieder zu einer fast zärtlich sanften Background-Manier zurück, Reinhard „Buddy“ Sacher spielt auf seinem Gesicht, das so herrlich dümmlich dreinblicken kann, ebenso virtuos, wie auf der Gitarre, der er traumhafte Klangteppiche entlockt und schließlich der dominanteste, ohne Frage auch kreativste und phantasievollste Teil der Truppe, Saxophonist Peter Wilmanns, der eben noch konzertreif einen Jazzstandard vorstellt, um ihn im nächsten Moment völlig enthemmt durch die künstlerische Mangel zu drehen und bis ins Orgiastische zu steigern.


Trotz ihres Genius – oder gerade deswegen? – wollen die Drei nicht schöne Klänge, sondern völlig neue „Muzik“ machen. Das ist ihnen in Hockenheim ohne jede Frage gelungen.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.arsvitalis.de.