2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Kom(m)ödchen bringt ganz normalen Wahnsinn auf die Couch
11/2008
Sie wohnen in einer ganz normalen Stadt in einer ganz normalen Straße? Dann können Sie ein Liedchen davon pfeifen, wie verrückt diese „Normalität“ in Wirklichkeit längst geworden ist. Einen markanten Einblick in diesem ganz alltäglichen Wahnsinn gabEnde Oktoberim Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ das Ensemble des Düsseldorfer Traditionskabaretts „Kom(m)ödchen“ mit seinem neuen Programm „Couch. Ein Heimatabend“. Allein beim Klang des 1947 gegründeten Kultschuppens schießen Namen durch den Kopf: Harald Schmidt, Hugo Egon Balder, Jochen Busse und Thomas Freitag gehörten zu den prominentesten Ensemblemitgliedern früherer Tage. Und sowas weckt Erwartungen, die erfahrungsgemäß nur schwer zu erfüllen sind. Dennoch war der lockere Streifzug durch das Gerümpel hinter den aufgeräumten Fassaden der sechs „Normalos“, die Christian Ehring, Maike Kühl und Heiko Seidel auf die Bühne brachten, eigentlich ganz in Kam(m)ödchen-Tradition aufgezogen: Nach Außen gefällig und durchaus genießbar, aber mit Spitzen zwischen den Zeilen. So inszenierte das Ensemble mit den Geschichten aus der „Rückertstraße Nummer acht“ mehr ein Theaterstück als klassisches Kabarett – und mischte doch viel Gesellschaftskritik und vor allem manche treffsichere Pointe unter die kleinen Szenen. Der unter Druck stehende Kabarettist Christian muss dringlichst seinen Auftritt beim „Verband kritischer Metzger“ vorbereiten – wird aber ständig von den völlig exzentrischen Nachbarn belästigt und abgehalten. Da geben sich abwechselnd seine „Ex“ Jana, die mannstolle Isabell, der diebische Michael, der „Profientlasser“ Elmar und das dröge Allzeit-Pärchen Manu und Michael die Klinke in die Hand und sorgen jeweils auf ihre Art für Furore. Mit Jana dreht sich alles um die Lebenskrisen, die mit dem „Alter“ kommen („Früher war ich sexy. Heute: Rüstig“). Isabell hängt ihm auf der Suche nach Sexgeschichten ständig ihr kreischendes Baby auf den Hals. Und Michael zapft ihm als verhinderter Terrorist den Strom ab.

Besonderes Augenmerk aber musste man auf Elmar legen: Ein Charakterschwein, das genaue Gegenteil des vielzitierten „Gutmenschen“ – „was auch daran liegt, dass es so eine genetische Arschgeige nicht nochmal gibt“. Aber gerade er ist für die besten Rededuelle perfekt. Irgendwo zwischen Globalisierungsproblematik, Ackermann, und Dalai Lama bringt doch er die größte Erkenntnis an den Tag: „Echte Männer essen keinen Honig. Die kauen Bienen!“

Manu und Michael dagegen werden immer beiger. Die lesen „sogar schon die ADAC-Motorwelt!“ Und sie leben in ständiger Angst. Kein Wunder, wenn man ausgerechnet am 09.11.2001 heiraten muss. Aber durch einen kleinen Unfall stirbt Michael und kann eine kleine Plauderstunde mit Gott einlegen: „Gott, ich will Dich jetzt nicht kritisieren: Du hast ein riesen Talent. Aber ich finde, Du hast wenig daraus gemacht!“

All die abstrusen Einzelszenen kulminieren in der Erkenntnis, dass die Menschheit die ganzen Stinkstiefel braucht: „Die Ackermanns, Essers und so weiter: An so Arschgeigen wie Dir kann man sich abarbeiten“.

Der Abend war freilich durchwachsen: Mal völlig grotesk, dann wieder mit einem fast hintersinnigen Humor ausgekleidet. Da noch eine Tirade gegen die FDP, die auch nicht mehr sei „als die Grünen in schwul“, dann eine tiefgründige Erkenntnis über unser Versagen, weil wir nur noch beobachten wollen aber nichts mehr tun („Wir kriegen keine Kinder, schauen aber die ‚Supernanny‘ – wir sitzen mit `ner Dose Aldi-Futter vorm Fernseher und schauen Lichter!“) und schließlich ein fast schon zärtlich-nachdenkliches Lied „Das Leben is ´n Praktikum“. Eben darin haben sowohl Regisseur Hans Holzbecher, als auch Autor Dietmar Jacobs ihr Heil gesucht – und gefunden: Im harten Aufeinanderprallen extremer Gefühls- und Gedankenlagen. Gerade letzterer hat ja viel Erfahrung mit „Normalos“ in Extremsituationen: Als Mitautor der TV-Erfolgsserie „Stromberg“ wurde er 2006 sogar mit dem renommierten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

Die „Couch“ lebt allerdings mindestens ebenso vom Talent und vor allem der Wandlungsfähigkeit seiner Darsteller: Christian Ehring spielt vor allem sich selbst - in einer staubtrockenen, bemerkenswert spitzen und feinzüngigen Art des Denkens und Handelns. Die gebürtige Münchenerin Maike Kühl schlüpft in die Rolle der Jana, gibt dann den Sexvamp Isabel, nur um danach als völlig lebensferne Birkenstock-Tante Manu „wirklich sehr enttäuscht“ zu sein. Sie machte ihre Sache gut, wenngleich sie insgesamt stets etwas hölzern und gestelzt wirkt, selbst dann wenn sie improvisiert. Das fällt vor allem dadurch auf, dass an ihrer Seite der Verwandlungsprofi Heiko Seidel eine wahrhaftige Glanzrolle ablieferte: Mit einer grandiosen Mimik, perfekter Umstellung in Gestik und Ausdruck machte er aus sich tatsächlich drei unterschiedliche Menschen - genial.


Nach runden zwei Stunden mit dem „Kom(m)ödchen“ schwirrte der Kopf voller Gedanken – aber die Begeisterung im Saal konnte keinen Zweifel lassen: Da war wiedermal ein Erfolgsstück unterwegs. Und wenn sie sich mal wieder fragen, auf was man in diesem Land denn noch stolz sein soll, wenn uns langsam alle überrunden, dann Summen sie doch einfach mit: „Wir haben Brot“.



Weitere Informationen im Internet unter www.kommoedchen.de.

magazin

 

 

 
 

©:www.kommoedchen.de