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Erschienen
„Kleine Tierschau“ vom Publikum auf Händen getragen
12/2008
„Wir haben uns eben gerade ganz gewaltig einen reingelötet – heute gab es Fencheltee“ – so kehrten die drei Mannen der Kultband „Kleine Tierschau“ Ende Oktober nach dem frenetischen Applaus des Publikums zu ihren Zugaben auf die Bühne der Hockenheimer Stadthalle zurück: „Die Groupies waren heiß und haben Bilder ihrer Enkelchen rumgezeigt!“

Tatsächlich war das Publikum der Never-ending-25-Jahre-Jubiläums-Show, mit der die Mannen um Michael Gaedt bereits Ende 2006 losgezogen waren, um die Welt erneut Mores zu lehren, ein wenig mitgereift – aber noch genau so aus dem Häuschen wie damals, als im historischen Jahr 1981 nicht nur Lady Di und Prince Charles sich das Ja-Wort gaben, sondern auch drei Herren aus der Ostalb zum „Wunder von Heubach“ avancierten. Sicher konnte Anfang der 1980er Jahre noch keiner ahnen, dass mit der „Kleinen Tierschau“ eine der begnadetsten Unterhaltungsbands der Republik entstehen würde, doch im Rückblick muss auch der kritischste Fachmann eingestehen: Alle Anlagen, die später zum Riesenerfolg der Truppe, zu zahlreichen Fernsehauftritten, teilweise mit eigenen Shows, zu den großen Tournee-Erfolgen und immerhin zwei eigenen Chart-Hits führte, waren damals schon in voller Blüte vorhanden. Aus den ehemaligen Schulkameraden war sofort die Band geworden, die als „Alternative zum guten Geschmack“ ebenso punkten konnte, wie als „Landfunk und Scheunentrash“ – sie zeigten eben immer ganz genau, „Was wir Unterhaltung verstehen“: Eine unkonventionelle Mischung aus grandioser Musik, hirnverbranntem Klamauk, gediegener Bühnenshow, schrillen Outfits, sattem Sound, genialen Ideen und rücksichtsloser Publikumshingabe. Dabei war jeder immer alles: Eben noch der gediegene Conférencier, dann die Strip-Maus aus der ersten Reihe, eben noch der begnadete spanische Musiker, dann schon wieder der fechtende Barockdichter. Im aktuellen Jubiläums-Programm machte sich die „Tierschau“ gleich auch noch die eigene Vorgruppe „Stamheim“, präsentierte als todesmutiges Artisten-Gespann „ohne Netz und Feinstaubplakette“ erst die „Todes-Acht“ auf Mini-Motorrädern, um gleich danach als „Die drei Vollkasko-Tenöre“ mit gigantischen Klängen „Irgendjemand hat mein Moped angepisst“ als ganz eigene Version des Stones-Gassenhauers „I can get no“ zu geben. Die drei Jungs waren ihre eigenen Stripper, die eigenen Roadys, die eigenen Animateure. Und in allen Rollen waren sie perfekt: Der grimassenschneidende Spaßvogel Michael Gaedt mit der gigantischen Stimme, dem irren Blick und dem absoluten Talent für Publikumsführung, der auch mal als Fetisch-Krankenschwester zu „Fever“ einen Strip hinlegt (durchaus jugendfrei, selbst wenn man zehn Unterhosen dabei auszieht – so lange man elf an hat). Der gediegene, grundgütige Ernst Mantel, der den spanisch-feurigen Lover ebenso gibt, wie den leichtzüngig barocken Adligen, der mit Wortspielereien wie seinem ganz eigenen Auszug aus dem „Herrn der Augenringe“ ebenso landet, wie als „Eugen“ vom „TÜV Südwescht“ („I han geschdern mein oigene Savira net durchkomme losse“). Und natürlich der quirlige Michael „Tigerle“ Schulig, der eine ganze Batterie an Instrumenten herunterspielte, mit vollem Körpereinsatz glänzte und – wie immer – zum Publikumsliebling avancierte. Diese drei Herren sind Garanten der guten Laune, Botschafter des schrillen Humors und Kanoniere durchschlagendster Witzsalven, die niemals ihr Ziel verfehlen.

Ja, 25 Jahre „Kleine Tierschau“ bedeutet 25 Jahre Sensationen auf der Bühne – und zwar in immer gleicher Besetzung. Eine ganze Reihe der besten Nummern aus den Tagen zwischen dem – schon damals in aller Bescheidenheit präsentierten – Opener-Abendfüller „Das Jahrhundertprogramm“ von 1981 und dem letzten Improvisationsreigen „Landfunk und Scheunentrash Vol. 2“ von 2005 boten Gaedt, Schulig und Mantel in Hockenheim: Die bizarre Verkleidung als Playmobil-Dreier, der sich nach kurzem Streit statt für „Tunten im Unterland“ doch lieber für eine Persiflage des „Village-People“-Hits „YMCA“ als Hymne auf die gelben Engel entscheidet, fehlte dabei ebensowenig, wie die Stepptanz-Parodie „Neckar Dance“ oder die Volksmusik-Karrikatur „Mir Schwaben sin Pfundskerle“. Dazwischen streute die „Kleine Tierschau“ ihre Chart-Stürmer „Lieber doof sein als Gaby heißen“ oder „Campari pur“ und natürlich die ein oder andere „Publikumsnummer“, in der sie beispielsweise den vormals fröhlichen Jörg erst vor das „schadenfreudige Pack“ des Auditoriums schleiften und ihn dann auf eine der vielen selbstgebauten Höllenmaschinen der Truppe – diesmal wars der berüchtigte „Turban-Wickel-Automat“ aus dem Programm „Import Export“ (2001) – schnallten. Kein Wunder, dass das Heer der Nocheinmaldavongekommenen nach rund zwei Stunden reinster Unterhaltung und ungestreckten Frohsinns völlig aus dem Häuschen war. So konnte sich Michael Gaedt in der vom Publikum fast schon erzwungenen Zugabe auch wieder einmal in einem Schlauchboot durch die Wellen des frenetischen Volkes treiben lassen: Da wurde der Ausspruch vom Publikum, das einen Künstler auf Händen trägt, endlich mal wieder wortwörtliche Realität.


„Das Wunder von Heubach“ ist nicht nur Programm, sondern eine Monstranz, die nach wie vor von den ungebrochen begeisterten Fans der „Tierschau“ hochgehalten wird: Einmalig, unerreichbar und auf jeden Fall immer wieder eine gigantische Erscheinung.



Weitere Informationen im Internet unter www.tierschau.de.