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Vargas / Baudoin
Erschienen
Das Zeichen des Widders
12/2008
Aufbau-Verlag GmbH, Berlin
224 Seiten / € 22,95
Es ist fast nicht zu glauben, wie unterschiedlich die zwei Interpretationen dieser einen Geschichte sein können. Während das Hörspiel ein solider Krimi ist, macht Baudoin aus dem Roman eine durch und durch französische Sozialstudie.

Schon Barus „Autorout de Soleil“ zeigte, was französische Comic-Autoren erzählen können, wenn sie nur genügen Seiten füllen dürfen. Keine Vorgabe durch Magazin-Fortsetzungen oder Albenlängen, mit dem Exotenbonus begünstigte Fremdarbeiter – kein Wunder, das so einzigartige Comic-Erzählungen entstehen können. Diese in Asien erfahrene Freiheit tut auch dieser Geschichte gut.

Baudoin nimmt den Krimi von Vargas und gibt den Akteuren durch die Bilder Tiefe und Profil. Schon das erste Bild zeichnet Grégoire als hübschen Jungen. Sein etwas angstvoller Blick lässt seine jugendliche Unsicherheit erkennen. Das zusammen mit seiner Bereitschaft, jeder Argumentation zu folgen und seinen Fragen voller Gefühl „Schämst du dich?“ machen aus dieser Figur die personifizierte Pubertät, auch wenn er mit seinem Alter von 19 Jahren eigentlich diesem Stadium entwachsen sein sollte. Ganz anders sein Vater. Eine dicke Brille, das grobpockige Gesicht, sein Negieren der kriminellen Machenschaften seines Sohnes statt dessen die ewigen Frage nach Grégoires fehlenden Aktivitäten mit dem anderen Geschlecht machen aus dem Bierdosenskulpteur einen weltfremden Menschen.

Die vielen eigenständigen Personen lassen die eigentliche Geschichte um einen Serienmörder in den Hintergrund treten. Statt dessen schreien aus den Seiten unterschiedliche Wünsche nach einem heilen Leben heraus. Dass es hier um mehr als nur einen weiteren Mord geht, proklamiert die Buchvorlage gleich drei Mal. Diese Stellen sind mehr illustrierter Roman als Comic. Generell hält sich der Zeichner an nur wenig Konventionen. Grafisch verstören die unausgewogenen Seiten auf den ersten Blick. Der Text ist oft im groben Blocksatz die Seite dominierend und mit der zentrierten letzten Zeile das Gewohnte aufbrechend. Mal stehen sich in den Gesprächen grobe Sprechblasen gegenüber, mal deuten nur Striche die verschiedenen Sprecher an. Grobschlächtige schwarze Flächen zimmern in einem Bild den Kommissar samt unordentlichem Schreibtisch zusammen, während nur eine Seite später dessen Gehilfe mit feinen Linien ein Chaos als Haare auf dem Kopf hat. Mal blitzt der kantig-feine Strich á là Crepax durch nur um dann wieder in einer an Satrapi erinnernden fast schon naiv wirkenden Zeichnung seine abrupte Fortsetzung zu finden.

Aber dass alles stellt man erst beim zweiten Blick, nach dem Lesen, fest. Dieser Comic kann fesseln. Hat an sich als Leser erst einmal auf diese fahrigen Bilder eingelassen, ist man schnell in dieser Welt voller Menschen neben dem Mainstream gefangen. Dann fängt auch noch eine zarte Liebesgeschichte den feinfühligen jugendlichen Rebell in Lebensgefahr und wir fühlenden Leser leiden mit, als der Held seine Liebe mit Todesangst bezahlen muss. Aber das Ende ist für diese Geschichte schon fast zu angenehm. Auf den letzten Seiten kein Pamphlet gegen die Rassendiskriminierung, keine Frage, ob Intuition der Akribie überlegen ist, keine Frage, ob die Finanzwelt die Kunst finanzieren sollte. Zum Schluss ist der Mörder gefangen, der Junge gerettet, das Huhn frei und die letzte Flut an nicht krimitypischen Gedanken verdaut. Und man fragt sich, warum diese absolut nicht einheitlichen Bilder einen die letzten 200 Seiten überhaupt nicht gestört haben. Wahrscheinlich weil sie mindestens eben so viel erzählten, wie der Text. Es ist eben ein Comic und ein eigenständiger und besonders guter dazu. Vielleicht weil er absichtlich oft gar kein Comic ist.


Einzigartiger und irgendwie auch Krimi