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Erschienen
„Mit Bach flirten“ - Michael Sens in Hockenheim
12/2008
In einer Zeit, in der Dixieland für einen Staat der USA gehalten wird und Bach allenfalls noch als Klingelton aus dem Handy bekannt ist, stemmt sich ein „junger Wilder“ gegen den Zeitgeist der grassierenden Verblödung gegenüber der Kunst und tritt zu einer unterhaltsamen, scharfsinnigen, bisweilen auch spitzzüngigen Nachhilfestunde an, über die die Kollegen der Berliner Zeitung ganz richtig titelten: „Das ist Deutschlands bester Musikunterricht“. In seinem vierten Soloprogramm „Opus 1“ widmet sich der Berliner Mittvierziger Michael Sens Mitte November im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" erneut den Höhen und Niederungen der Musikgeschichte und verband sie aufs vortrefflichste mit Episoden aus seinem eigenen Leben. Das nahm seinen Anfang mit dem Vater, dem gefürchteten Zwölfton-Musiker Egon Sens („Ich wurde Zuhause gehalten wie Kaspar Hauser – nur halt ohne Essen“) und hat beim gegenwärtigen Xavier Kurt Naidoo nur eine kurze Pause eingelegt, so bleibt zu befürchten. Michael Sens ist also eingeklemmt irgendwo zwischen der hauptstädtischen Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ und dessen (nebenbei bemerkt: geklauten) „Welthit“ „Auferstanden aus Ruinen“.

Dabei hatte er alles versucht, um zumindest dem alten Jopi-Heesters nachzueifern: „Man müsste Klavier spielen können, wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau‘n“. Aber auch wenn Richard Clayderman ein echter „Schlüpferstürmer“ ist - man hat das hundsschwere Klavier eben im entscheidenden Moment in der Regel nicht dabei: Vor der Haustür der Angebeteten. So muss sich Sens brotlos durch die Bühnen der Nation arbeiten – oft sehr erfolgreich, in Hockenheim mal wieder eher nicht, weil ihm das verwöhnte Publikum hierzulande zumindest zahlenmäßig die Gefolgschaft verweigerte (wie war das gleich mit den Bauern und dem unbekannten Essen?). Dem Abend tat es keinerlei Abbruch, denn die anwesende „High Society“ war vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen und sorgte selbst in licht besetzten Reihen für gehörige Stimmung.

Kein Wunder, kombiniert doch Michael Sens aufs trefflichste einen feinen, durchaus überraschenden Humor, frisch-aufgeweckte Mimik und Gestik mit einigen wirklich filmreifen Slow-Motion-Passagen mit einer genialen, fast durchgehend absolut atemberaubenden Virtuosität an Klavier und Violine. Und sein Abend offeriert auch noch ungemein viel Lehrreiches. So schlägt er völlig problemlos die Assoziationskette „Beethoven - 9. –Bleivergiftung – Angela Merkel“ oder „Mozart – Kleine Nachtmusik - Wunderkind – Testosteronüberschuss in der Schwangerschaft“. Für sein gespannt lauschendes Auditorium ein grandioses Wechselbad mal mit wohlig warm dahinperlenden gut bekannten Themen der Klassischen Musik, dann wieder mit harten Wahrheiten um Peter Maffay „zwischen Schlummerkarzinom und Wander- Hämorrhoide“.

„Opus 1“, Michael Sens als Ganzes, ist ein ungebrochener Ohrenschmaus, ein Kabinettstückchen der allerersten Güte, ein wunderbarer Streifzug durch die Hohe Kunst der Musik unter besonderer Berücksichtigung der damit verbundenen gähnenden Abgründe. Perfekt seine Parodie auf den holländischen Walzerkönig André Rieu und dessen inneren Kampf zwischen Ungarischer Folklore und Wiener Walzer. Grandios seine völlig stufenlose Metamorphose vom melancholischen Wolgalied aus dem 19. Jahrhundert zum 1999er-Welthit „Sexbomb“ Mousse T.s. Brillant sein Fußballspiel um den „Cup der Toten Tonsetzer“, in dem er all die bekannten und weniger bekannten Komponisten um Wagner, Liszt, Strauß oder Rachmaninov in ihren Stilen „an der Elfenbeinküste“ seines Klaviers und in einem unglaublich leichtfüßig dazu vorgetragenen Kommentar aufeinandertreffen ließ – der frenetische Jubel im Publikum brandete jeweils völlig zu recht auf.

Michael Sens eröffnete seinem Publikum völlig neue Einsichten in die Musik, die man sowohl als Waffe einsetzen könne (Auf dem Hamburger Bahnhofsvorplatz wird den ganzen Tag klassische Musik gespielt – „Seitdem sind die Penner weg!“), als auch als Pfad zum Herzen: „Mit Bach flirten“. Oder – sagen wirs mal auf „frauisch“: „Musik weckt Emotionen“. Und Michael Sens hat diese aufs trefflichste durch die Mangel genommen.


Er hat seine Prophezeiung wahr gemacht: „Sie werden nach diesem Abend die Musik mit ganz anderen Augen hören!“.



Weitere Informationen im Internet unter www.michael-sens.de.

 

 

 
 

©:www.michael-sens.de