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Erschienen
Musikgenuss zwischen Swing und Balalaika: Joschko Stephan und Exprompt
01/2009
Es war eine ganz außergewöhnliche Eröffnung für Jazz- und Bluestage, die eigentlich selbst allen Grund zum Feiern gehabt hätten: Zum zehnten Mal ging das inzwischen legendäre Spartenmusik-Highlight Anfang Dezember über die Bühne des Hockenheimer Kulturzentrums „Pumpwerk“. Diesmal zunächst mit einem auf den ersten Blick etwas befremdlichen Ausflug in die russische Musik, die nicht eben bekannt für ihre großen Jazz- und Bluesveteranen ist. Doch genau diese Anleihe aus der Sparte „Folk“ hat zusammen mit dem Topact, dem international gefeierten Spitzen-Gitarristen Joschi Stephan, nicht nur für einen spannenden Musikabend gesorgt, sondern wahre Begeisterungsstürme im Publikum, das den Musentempel in einer für die Stilrichtung überraschenden Üppigkeit füllte, ausgelöst.

Grund war die unglaubliche Präzision und unübertreffbare Homogenität, mit der das aus Petrosavodsk, der Hauptstadt der russischen Republik Karelien stammende Ensemble „Exprompt“ aufwarten konnte und das die vier jungen Musiker zu einer sehr bescheiden wirkenden, dabei maßlose Anziehungskraft entfaltenden Bühnenpräsenz mischten. Das Quartett entlockte den traditionellen Instrumenten nicht nur den Zauber, der russischer Musik sozusagen naturgegeben innewohnt: Sie adaptierten auf eine gewitzte Art musikalische Einflüsse aus anderen Regionen und machten damit auch aus sehr lange tradierten und weltbekannten Werken kleine, eigene Interpretationen, die sich hören lassen konnten.

Dabei jonglierte das Quartett mit markanten Tempi-Wechseln und einer ausgefeilten dynamischen Choreographie, mit dramatischen Verdichtungen und einer aufs Äußerste getriebenen technischen Perfektion. Staunen mischte sich im Publikum mit einer echten, tief empfundenen Begeisterung. Tatsächlich übten die teilweise halsbrecherischen Läufe und Motiveinwürfe der Domra- und Balalaika-Instrumentalisten Olga und Alexej Kleshchenko in Kombination mit den motivisch präsenten Bajan-Abenteuern Michail Totskijs vor dem gediegenen Bass-Hintergrund des Balalaika contra Ewgenij Tarasenkos einen unwiderstehlichen Zauber aus: Hier die Berührtheit von der immer sehr fesselnden und zu Herzen gehenden Musik, da die Bewunderung für die Präzision im individuellen Klang und im Zusammenspiel. Das alles mit begeisterndem Einfallsreichtum – als Beispiel sei nur eine „Weltreise“ genannt, die in vier kürzeren Stücken den Swing aus Belgiens europäischem Jazz, Italiens bella musica, die markigen Klänge der amerikanischen Musik und ein augenzwinkerndes Themenpotpourri zu deutschen Motiven („Der alte Mercedes“) auf ihre eigene Weise interpretierten – genial und begeisternd und auf jeden Fall die lauthals geforderte Zugabe wert.

Die ohnedies aufgeheizte Stimmung fachte Joscho Stephan weiter an: ein weiterer Beweis dafür, dass die Hockenheimer Jazz- und Bluestage in der oberen Liga mitspielen und immer wieder international renommierte Künstler präsentieren können. Stephan, der zusammen mit seinem Vater Günter Stephan (Rhythmusgitarre) und dem Kontrabassisten Max Schaaf begeisterte, hat sich auf der Weltbühne als genialer Virtuose einen Namen gemacht und er zählt ohne Frage zu den ganz großen Vertretern einer eigenständigen und eigensinnigen modernen Variante des Gypsy-Swing. Gerade von seiner atemberaubenden technischen Klasse, aber auch von seinen unerschöpflich scheinenden Ideen konnte Joscho Stephan in Hockenheim ein gutes Beispiel geben. Er interpretierte dabei Titel seines prägenden Vorbildes Django Reinhardt mal auf klassische, mal auf sehr individuelle Art und Weise, gab eine eigene Spielweise des Lennon/McCartney-Gassenhauers „Michelle“, punktete vor allem aber mit eigenen Titeln, in denen er sich grandiose Läufe, geniale Motivketten und Themenverschränkungen und perfekte Spannungsbögen auf den Leib und seine flinken Finger schreiben konnte. So gab der junge Shootingstar vor dem entspannten Hintergrund seiner beiden absolut verlässlichen und routinierten Mitmusiker ein Wechselbad von höchster Erregung und ganz entspannter Ruhe, hetzte eben in nicht menschenmöglich erscheinenden Tonkaskaden über sein Griffbrett, um gleich danach sanft und schmeichlerisch Perwoll-Feeling zu verströmen. So gelang es ihm – ob mit der fast schon melodiös wirkenden Eigenkomposition „Swinging String“, mit der er 1999 unter Peter Fingers Laben debütierte, oder aber mit dem „Hot Club Swing“, in dem er zahllose Schaustücke seiner Virtuosität und Spielerlaune zu einem knackigen, mit aller Gewalt Raum greifenden Kunstwerk zusammenhämmerte – sein Publikum restlos in Bann zu ziehen und bis aufs Äußerste zu fesseln.


Der Jazz- und Bluestage-Auftakt brachte viel Überraschung, viele neue musikalische Ideen, viel Renommee und vor allem viel Musikgenuss.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.exprompt.ru/de/ und http://www.joscho-stephan.de.