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Erschienen
Unterhaltungskanzler Lars Reichow trifft Jammertäler oben auf dem Berg
04/2009
Genau ein Jahr ist es her, dass der Mainzer Kabarettist Lars Reichow das kulturverwöhnte Hockenheimer Profi-Publikum zum Test seines neuen Programms, das zwei Monate später im Mainzer „Unterhaus“ Premiere feierte, einspannte. Die Begeisterung, die er damals als „Unterhaltungskanzler“ auslöste, hat inzwischen ihren vielfachen Widerhall auf zahlreichen Bühnen der Republik gefunden und am vergangenen Samstag ist Hanns Dieter Hüschs Ziehsohn erneut in die Rennstadt gekommen, um das Programm von damals in einer Update-Version erneut zu präsentieren.

Klar, dass markante Stellen bekannt vorkamen, Passagen ohne Veränderung die Monate überlebt hatten. Klar aber auch - zumindest bei einem Kabarettisten dieser Klasse – dass noch mehr aktuelle Themen und Entwicklungen ihren Niederschlag fanden; und das gilt nicht nur für die Wirtschaftskrise.

Wenngleich er naturgegeben mit diesem Thema den Einstieg machte: „Es war im Herbst, die ersten Gutachten fielen von den Bäumen, der Himmel war grau und es regnete feine Nadelstreifen“, so brillierte er mit seinem ersten Lied des Abends von einer Zeit, in der die Menschen Geld klimpern hörten, wo keins mehr war, das Geräusch zurücktretender Bankvorstände zum beliebtesten Handy-Klingelton avancierte und an der Türe ein Schild hing: „Finanzkrise – bitte einzeln untergehen“. Ein perfekter, dramatischer Auftakt für sein Wahlprogramm zwischen Benedikt und Bettvorleger, zwischen Merkel und Makel, zwischen Krümelmonster und Frauenpower.

Ein Rückblick, der nach Vorne schaut, Erinnerungen, die Utopien gebären sollten, das hatte der „Unterhaltungskanzler“ im Gepäck – auch in der Krise noch ein Lachen, auch im Untergang noch ein „Glücklich in Deutschland“ auf den Lippen. Nicht leicht, wenn man richtigerweise feststellen muss, dass „die Krise sich um die heruntergezogenen Mundwinkel von Merkel und Steinmeier“ erst gebildet hat.

So schwadroniert der zigfach ausgezeichnete „Klaviator“ über die Nichtraucherbewegung, der alleine Altkanzler Schmidt sich mit seiner „Smokers-Card“ entgegenstemmt und unverdrossen auch an Tankstellen und in Dynamitlagern weiterraucht. Er beglückwünscht die Amis zum „besten Präsidenten seit Jahrzehnten – sie hatten ja vorher auch den schlechtesten seit Jahrhunderten“. Dazwischen streut er eine Hymne an die „unvergleichlichen, unverwechselbaren Hockenheimer Frauen“, lobt im Hinblick auf die Bildungskrise das didaktisch sehr interessante Konzept der Nacktmoderatoren bei „9 live“ und verliert sich (vielleicht sogar einen Tick zu langatmig) in der hauseigenen Krümelproblematik als Gegengewicht zu den globalen Problemen der Welt.

Genial sind Reichows tiefsinnigen Pointen, die intelligent und stets messerscharf nach teilweise sehr langer Vorbereitung mit einer chirurgischen Präzision zu treffen verstehen, dass es schon fast nicht mehr weh tut. Da stellt man sich anhand von Carla Bruni und Sarkozy, „diesem Louis de Funès, der sich wie ein deutscher Wimbledon-Gewinner benimmt“, Angela Merkel mit Tom Cruise am Strand von Rügen vor: „Sie trägt eine dunkelgraue Badejacke mit drei Knöpfen“. Über die Krise des Adels („schwierige, teilweise schwachsinnige Verwandtschaft – einfach zu viele Fitnesstrainer eingeheiratet“) schwenkt der Mainzer Könner zum neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg – unausgesprochen, ohne Häme, aber äußerst treffsicher: „Frische Adlige in der Politik – das ist eine gute Geschichte. So mal für ein paar Tage zum ausprobieren“. Die unerwarteten Wendungen, die grandiosen Beispiele schöngeistiger Sprachbrillanz – eine große Stärke. Da wird Zumwinkel „abgestempelt von der eigenen Post“, man ist gespannt auf die „vaduzten“ Gesichter, wenn wir unser Geld aus Liechtenstein abziehen und

Perfekt verteilt seine Lieder: Da der reißerische Gassenhauer zur grassierenden Verfettung des Volkes („Dicke Deutsche“). Dort die liebevoll-melancholische Frage an den Schöpfer, „Komm ich damit in den Himmel“. Dazwischen den Abgesang auf unsere Glamour-Geilheit „Warum weiß ich so viel von denen, von denen ich nichts wissen will“, die orgiastische Kollage zwischen Öl, Gazprom und Reich-Ranicki und schließlich der krönende Vorschlag für das neue Lied der Deutschen: „Wir sind die Jammertaler oben auf dem Berg“.


Warum nicht nach dem Medienkanzler und der republikeigenen Trümmerfrau mal den Unterhaltungskanzler? Einmal mehr hat Lars Reichow sein Multitalent und damit seine unangefochtene Befähigung für die Berliner Regierungswaschmaschine bewiesen: Virtuoser Pianist, vielseitiger Sänger, feinsinniger Kabarettist – könnte es mehr geben, das man sich im Kanzleramt wünschen könnte?



Weitere Informationen im Internet unter www.larsreichow.de.