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Erschienen
Spaniens Literatur geht durch Mark und Bein - Bucht(r)ipp
04/2009
Spanien ist in der Volkswahrnehmung ein Land der großen Gegensätze: Da die Fun-Paläste am Ballermann, dort die schweren Terror-Anschläge der ETA. Hier wunderschöne Küstenlinien und sattes Grün, dort die lavageröllgeprägte Mondlandschaft Lanzarotes.

Ins Land des Königs Juan Carlos führte der jüngste „Bucht(r)ipp“, der damit – gleichsam als Vorbereitung auf das „wirkliche“ Jubiläum zur Feier des ersten literarisch-kulinarischen Ausflugs im November – an die Wurzeln der inzwischen schon zum Kult avancierten Veranstaltungsreihe erinnerte: Im Spätjahr 1994 war es ebenfalls Spanien, das zum Ziel des allerersten „Bucht(r)ipps“ gewählt wurde. Inzwischen ist das Personal etwas verändert - nur die „Mutter aller Bucht(r)ipps“, die inzwischen zur Landtagsabgeordenten gekürte Rosa Grünstein, bringt mit der gleichen Freude und Hingabe den unsagbar treuen Gästen die kulturellen Eigenarten des jeweiligen Reiselandes nahe. Denn am Konzept hat sich kaum etwas geändert: Vier Bücher von vier Autoren, dazwischen ein Paar Bilder aus dem Land und eine kulinarische Stippvisite mit landestypischen Speisen und Getränken – unter diesen Vorzeichen war schon von Anfang an fast jede Veranstaltung ausverkauft.

So auch die jüngste, bei der die Gäste mit zum größten Teil erstaunlich schwerer Literatur aus dem berufenen Munde Rosa Grünsteins und Thomas Liebschers, unnachahmlich heiteren Bildbetrachtungen des Kulturamtschefs Klaus Maier und drei bemerkenswert unterschiedlichen und köstlichen Paella-Variationen aus der Küche Steffen von Kolbes mit allen Sinnen in der Region der Toreros zwischen Balearen, Pyrenäen und Portugal flanierten.

Den Einstieg machte Liebscher mit einem – nach seiner Einschätzung, die allerdings auf geteiltes Echo bei der Zuhörerschaft traf – „Frauenbuch“: Maria Barbal i Farrés „Wie ein Stein im Geröll“, das in ihrer Heimat in über 50 Auflagen erschienen ist (in Deutsch: Transit Buchverlag). Das dünne Bändchen vereint das fast schon idyllische, dabei aber schroffe Landleben in den Pyränen im ersten Teil mit einer durchaus politischen Wende im zweiten, in dem Bürgerkrieg und Zweiter Weltkrieg ihre unausweichlichen Spuren im Leben hinterlassen. Eine sehr authentische Sicht allein mit den Augen des Mädchens und der späteren Frau Conxa – eine Erzählung in einfachen Gedanken und schlichter Sprache, die aber sehr eindrücklich sind.

Liebschers zweiter Beitrag riss mit Rafael Chirbes neuestem Roman „Krematorium“ ins Spanien der Gegenwart. In einem literarischen Panorama führen dort die Protagonisten innere Monologe und rechnen angesichts der bevorstehenden Einäscherung des Ökobauern Matias mit der eigenen, sowie der Geschichte Spaniens insgesamt ab. So versteht sich der durchaus schwierige „Widerhaken“, wie Liebscher „Krematorium“ auch wegen seiner unsympathischen Figuren nannte, als Abschluss der Trilogie des Autors über die Geschichte seiner Heimat: Zu allen Zeiten, zu denen Chirbes Bücher geschrieben hat, nahm er wie ein Seismograph die Echos der Zeit auf.

Die zwei harten Brocken wartete diesmal Rosa Grünstein auf: Das jüngste Werk „Das Spiel des Engels“ des von der Welt zum „Popstar unter den spanischen Autoren“ gekürten Carlos Ruiz Zafón (S. Fischer Verlag), das sich in einer markanten, malerischen Sprache um einen faustischen Pakt zwischen einem eher erfolglosen Autor von Schauergeschichten und einem Verleger um das „Buch der Bücher“, aber vor allem um Narzissmus, Korruption und eine Reihe schwerer moralischer Dilemmas rankt.

Und vor allem Antonio Muñoz Molinas bereits 1997 erschienener Roman „Die Augen eines Mörders“ (Rowohlt Verlag): ein Buch, das nicht nur durch seine Geschichte, sondern vor allem durch die atemlose, packende, ins Geschehen geradezu hineinsaugende Erzählweise durch Mark und Bein geht: Sexualmorde im Umfeld, ein in Selbstzweifeln über die eigene Geschichte gefangener Inspektor, der von einem ETA-Killer verfolgt wird, seine Frau, die der Terror ins Irrenhaus geführt hat – und ein junges Mädchen, das dem Mörder doch entkommen kann. Molina präsentiert dabei keinen klassischen Kriminalroman, sondern setzt sich – subversiv unterhalb der Erzähloberfläche – über seine Protagonisten und deren Reflexionen mit der jüngeren Geschichte Spaniens auseinander: „Franco und seine Folgen“ könnte das Buch ebensogut heißen. Der Inspektor suchte den Blick eines Menschen. Eines Menschen, der etwas so Ungeheuerliches gesehen hatte, dass es niemals vom Vergessen gemildert oder ausgelöscht werden konnte – und diese Besessenheit hat doch nur mit seiner eigenen Geschichte als Spitzel und Denunziant zu tun. Ein sprachlich betörendes, atmosphärisch besonders dichtes Stück Literatur.


Und so entließen Grünstein und ihre Crew die Reisegesellschaft in die Wochenendnacht nachdenklich und doch auf eine ganz eigentlümliche Weise erregt – echtes Bucht(r)ipp-Feeling eben.

Der „wirkliche“ Jubiläumsbucht(r)ipp wird am Freitag, 27.11.2009 ab 20 Uhr nach Sizilien führen.