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Erschienen
Ratings gnadenlose Enttarnung der Wirklichkeit als Illusion
04/2009
„Finanzkrise, das Ende von General Motors, das Ende von General Bush, Opel hat ein Rad ab und der Papst auch“ – gnadenlos das Fazit über den Gesundheitszustand unseres Planeten, unseres Landes, unserer Gesellschaft und von uns selbst, das am vergangenen Samstag Abend der aus dem Ruhrgebiet stammende Kabarettist Arnulf Rating zog: „Hockenheim ist die letzte wirkliche Idylle in Deutschland. Drumrum alles furchtbar!“

Was dann auf das Publikum, das den Saal erstaunlicherweise nur lückenhaft füllte, hereinprasselte, war ein Wechselbad der Gefühle, ein Auf und Ab des Niveaus und ein Abend mit unzähligen Highlights, aber auch einer ganzen Menge Längen.

Kurz zusammengefasst: Rating hat an seiner Seite die ehemalige Sprechstundenhilfe von Dr. Mabuse, die inzwischen in der Paxis Spreebogen mit den Mächtigen der Republik auf Du und Du ist und insofern dem Abend Auftrag und Namen gab: „Schwester Hedwigs allerschwerste Fälle“. Mit diesem Programm – dem fünften seit 1993, dem Beginn der Solo-Karriere des inzwischen insgesamt über 30 Jahre auf der Bühne stehenden Rating – präsentiert der hochausgezeichnete Kabarettist zum einen sich selbst, aber auch Licht- und Schreckgestalten aus der Praxisarbeit der Krankenschwester.

Damit wäre man schon beim Problem des Programms: Rating ist brillant, zeitgeistig, brandaktuell, unverblümt und mit sowohl einer rasiermesserscharfen Bissigkeit, als auch einem virtuosen Lustwandeln in der Sprache ausgestattet – in seiner Eigenen Haut reüssiert er meisterlich. Schlüpft er aber in seine Figuren, dann neigt der Abend doch zur etwas seichten Kasperei und einem billigen Tanz um Klischees zu werden. Da die verklemmt-dümmliche Pädagogin, die auf den Trendforscher trifft und die Probleme des Schulsystems referiert, dort eine allzu platte Kardinal-Meisner-Karikatur und über allem die viel zu präsente und viel zu gespielte Hedwig. Zwar gelingen ihm auch mit seinen Parallel-Identitäten immer wieder echte Kracher; so als Rating das Gegenmodell zum liberalen Erziehungssystem in Form eines Bundeswehr-Generals mimt, der handfeste Tipps für die Fragen der Zeit offeriert: „Die Migrantenflut lässt sich nicht mir dem Baseballschläger abarbeiten – da holst Dir ja nen Tennisarm!“ Oder wenn der „saubere, ungedopte Sportkamerad“ die nicht gern gehörte aber längst bekannte Wahrheit über den Drogenkonsum in der Gesellschaft allgemein und im Sport im speziellen skandiert und mit Blick auf die Spiele in Vancouver fordert „weg mit den tablettengetunten Spritzensportlern – vorwärts zur Bionade 2010“.

Aber bei allen Lichtblicken bleiben seine Personen doch nur ein müder Abklatsch dessen, was er selbst – einfach so, ohne jedes Requisit und ohne große Verrenkungen in Anzug und mit der typischen Flusen-Friese – zu präsentieren versteht: Rating müsste einfach nur mehr Rating sein, denn als Rating ist Rating immer noch einer der Besten!

Gnadenlos prügelt er da auf die Führungsklasse ein, nennt die Dinge beim Namen und zieht ohne jede falsche Rücksicht auf Parteibuch oder Gesangbuch, fern jeder Farbenlehre und ohne Angst vor Moralpredigten ein jedes halbseidene Getue unbarmherzig ins gleißende Licht seiner Betrachtung. Und die hat es in sich! Ratings Analysen sind messerscharf wie seine Worte. Seine Witze belustigen nicht, sie entlarven. Seine Wortspiele sollen nicht amüsieren, sondern enttarnen. Und das tun sie. Mit einer unvergleichlichen Treffsicherheit und mit beeindruckendem Genius.

So beweist er am Beispiel Edmund Stoibers („Gammelfleisch im Trachtenanzug“), „dass auch Brüssel kein sicheres Endlager für Politiker ist“, enttarnt in Angela Merkels Dekolleté deren „neue Politik des Hinsehens“ und die hilflosen Rettungsversuche in Sachen Finanzkrise deklariert er mit einem einfachen Kniff aus der Praxis als absurd: „Warum soll ich mir heute einen Opel für 30.000 Euro kaufen, wenn ich morgen für einen Euro die ganze Fabrik kaufen kann“.

Aus alten Bild-Schlagzeilen lässt er das vergangene Jahr in seiner ganzen surrealen Verrücktheit Revue passieren und schließlich steigert er sich gegen Schluss seines Programms in eine Art entfesselten Rederausch, der vor Spitzen geradezu strotzte, als er „den wahren Zusammenhang zwischen christlicher Politik und Klingelbeutelei“ ebenso aufzeigt, wie die „große Säulenheiligkeit der Spezialdemokraten“, als er den Auftrag der „Aktenparasiten“ der Sozialverwaltung, nämlich Hartz-IV-Empfänger zu terrorisieren ebenso aufdeckt, wie er seine These „die politische Standortbestimmung ist reine Hütchenspielerei“ in der Demonstration untermauert. Rating ist ein genialer Kopf und ein unerschrockener Beobachter und Mahner.


Nach rund zwei Stunden blieben dem Publikum deshalb zwei Erkenntnisse: Rating sollte Rating bleiben und „die Wirklichkeit ist eine Illusion, die vom Mangel an Alkohol hervorgerufen wird“.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.rating.de.