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Erschienen
Joy Fleming ist ein musikalisches Granatenweib
06/2009
Von der Fachpresse geadelt, von den Fans frenetisch geliebt und selbst von den größten Kritikern mit erstaunlichem Respekt geachtet hat sie sich in rund 40 Jahren harter und mit allen Höhen und Tiefen gesegneter Bühnenarbeit zur zweifellos bemerkenswertesten Blues- und Rocksängerin der Republik hochgearbeitet: Einen Beweis ihrer unumstrittenen und immer wieder neu faszinierenden Klasse lieferte Joy Fleming am vergangenen Mittwoch Abend der reichlich besuchten Hockenheimer Stadthalle mit einem Programm, das die Vielseitigkeit und musikalische Größe Flemings eindrücklich zur Schau stellte.

Dabei bewies sich die Ur-Mannheimerin nicht nur als Gesangstalent allererster Güte, sondern wie man es gewohnt ist, auch als spritzige, bisweilen derb-komische, immer aber herzergreifend echte Entertainerin, die eben mal Pavarotti imitieren oder den MCDonalds-Song auf den eigenen Leib umschrieben kann, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde peinlich zu wirken; Fleming tut alles immer mit reinstem Herzblut, mit der ganzen Gewalt und Macht ihrer Stimme und Person und vor allem immer mit einer unglaublich positiven Grundhaltung. Mal als amüsierte Witzeerzählerin, mal als nachdenkliche Gesellschaftskritikerin und oft einfach als liebenswürdige „Monnemer Schlabbgosch“.

Mit diesem Esprit und dem sich dazugesellenden musikalischen Genius fesselte und entfesselte sie ihre Zuhörer vom ersten Ton an: Immer wieder brandete Zwischenapplaus auf, mehrmals erwies das Publikum der Grand Dame der Rock- und Bluesbühne mit stehenden Ovationen die Ehre und ununterbrochen wurde Fleming von der gespannten und beseelten Welle der Begeisterung, die vom Auditorium heraufbrandete, weitergetragen.

So wurde ihr Streifzug durch Titel, die in ihrer Kombination schon allein wegen des gigantischen Tonumfangs für die meisten anderen Sängerinnen vollkommen unmöglich wären, zu einem Fest für die Ohren, für die Seele und für das Herz: Da machte endlich wieder einmal eine Frau Musik, die auf Glamour verzichten kann und aus sich selbst heraus wirkt – eine wohltuende Oase der reinen Kunst zwischen all den DSDS- und Superstar-Sternchen, die mit viel Brimborium gecastet doch binnen kürzester Zeit wieder in der Belanglosigkeit verschwunden sind, in die sie gehören.



Zur Person

Auch wenn sie es bei ihrem Auftritt in Hockenheim nicht gab: Mit „Ein Lied kann eine Brücke sein“ hat sich Joy Fleming in die nationale Seele und Musikgeschichte eingegraben. 1975 beim Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision Song Contest frenetisch gefeiert und dann gegen das eher schwache „Ding-a-dong“ von Teach-In fast schon legendär untergegangen, wurde die „Brücke“ lange danach von den Schlagerfans zum besten Grand-Prix-Titel aller Zeiten gewählt. Joy Fleming, die im Spätjahr 1944 als Erna Raad in Rockenhausen zur Welt kam, verbrachte den größten Teil ihres Lebens in Mannheim und sie gehört zweifellos zu den bekanntesten Kindern der Quadratestadt. Entdeckt wurde die Mannheimer Röhre, die von dpa später zur „Queen des deutschsprachigen Souls“ geadelt wurde, 1968 im „Talentschuppen“, doch verdankt sie ihre unnachahmliche Bühnenpräsenz ohne Frage den vorausgegangenen Erfahrungen in den Clubs und Bars, in denen sie für die in Mannheim stationierten Amerikaner Jazz und Blues sang. 1971 erfuhr ihr „Mannemer Neggabriggebluus“ große Erfolge und neben ihrer Grand-Prix-Teilnahme 1975 beteiligte sie sich 1986, 2001 und 2002 mit teilweise vielbeachteten Titeln an den Vorausscheidungen zum Song Contest. Eher belächelt wurde ihr Titelsong zur SAT.1-Sendung „Glücksrad“. Sie unternahm zahlreiche internationale Tourneen, wurde mit dem „Bloomaulorden“, der höchsten Auszeichnung Mannheims, dem japanischen „Outstanding Award“ und dem internationalen „SWR Blues Louis“ (internationaler Preis, Japan) ausgezeichnet. Musikalisch lässt sie sich nicht klar einordnen; am meisten hat sie sicherlich die Blues- und Rockszene geprägt, sie hat sich aber 2006 auch an einer vielbeachteten Ambient- und Dancefloor-CD beteiligt. Nach wie vor überzeugt sie mit einer erstaunlichen Stimmgewalt und faszinierenden Bühnenpräsenz. Joy Fleming hat eine Tochter und zwei Söhne, ist dreifache Großmutter; sie lebt heute mit dem französischen Komponisten und Musiker Bruno Masselon zusammen und Uwe Ochsenknecht hat vielleicht den treffendsten Ausdruck geprägt, den es über die heutige Joy Fleming zu sagen gibt: „Du bist die geilste Oma, die ich kenne!“

Programm in Hockenheim begeistert alle

Ob sie rassig und wild Stevie Wonders „Superstition“ mit dem smoothy-warmen „All in love is fair“ des amerikanischen Soul-Giganten abwechselte, ob sie – ganz individuell interpretiert aber für jede große Bühne der Welt geeignet – „Moon River“ a capella bot, um gleich anschließend Gloria Estefans „Here we are“ in einer ganz eigenen Machart mit einer persönlichen Botschaft zu versehen, oder aber mit Michael McDonalds „No love to been found“ den Groove bis zur Ekstase zu steiger: Immer überzeugte Joy Fleming mit einer unnachahmlichen Eigenständigkeit. Nie gerierte ein Titel zur Imitation, nie bestand auch nur die Gefahr, in Kitsch abzudriften. Ganz im Gegenteil glänzte die Mannheimer Kultsängerin immer noch und mehr als je zuvor mit einer genialen, markanten und unwiderstehlichen Bühnenpräsenz und einer charaktervollen, fesselnden Stimme, deren unvergleichliche Mischung aus Power und Verlockung, aus Schmeicheln und Durchzug, aus Groove und Klasse sie zu einem echten Original macht.

Komfortabel gebettet im Kreis erstklassiger Musiker: Maher Fladung gab an der Gitarre mit reichlich Akzenten das Feuer, Alain Wittische am Bass und Martin Quinten an den Drums die Basis dazu – musikalisch feinfühlig zusammengehalten von Bruno Masselon am Keyboard. Man merkt der Formation an, dass sie schon lange zusammen spielt: Brillante Musiker, die eine gemeinsame Passion vereint. Einziger Wehrmutstropfen und angesichts des Inputs, der in die Anlage gelangte, besonders tragisch, der insgesamt etwas übersteuerte und alles in allem doch zu basslastige Sound.


Doch selbst der konnte dem Abend keinen Abbruch tun. Nach rund zweistündigem Musiktaumel nötigten nicht enden wollende „Zugabe“-Rufe und langanhaltende Standing Ovations der Rock-Röhre noch einen Nachschlag ab, mit dem sie noch einmal richtig trumpfen konnte: A capella gab sie Barbara Streisands „Papa can you hear me“ und ließ noch lange mit ihren Tönen auch die Erkenntnis im Raum stehen, die sich mit ihrer „Entdeckung“ im „Talentschuppen“ vor 41 Jahren bereits aufdrängte: Joy Fleming ist ein musikalisches Granatenweib!