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Erschienen
Drama light: Besamer trifft im englischen Tierpark auf Scheidungsanwalt zum ersten Kuss
11/2009
Ein Drama und ein Western können nicht gleichzeitig in einem Tierpark spielen? Eine Rede über das Thema „Läuse im Kindergarten“ und ein singender Besamer lassen sich nicht unter einen Hut bringen? Koalitionspartner im Schnittchen-Rausch gehen nicht mit einem ersten Kuss zusammen? Richtig. Normalerweise.

Die Welt gehörig auf den Kopf gestellt hat Mitte Oktober eine vierköpfige Abordnung des Improvisationstheaters „Drama light“: Sie zelebrierten zum zweiten Mal einen Theater-Sport-Abend der Extraklasse im rennstädtischen Kulturtempel „Pumpwerk“ – und begeisterten Publikum und sich selbst gleichermaßen.

Wie es für einen erfolgreichen Impro-Abend notwendig ist, hatten Isolde Fischer, Stefan Hillebrand, Jürgen Schwarzmann und Danny Jaffé binnen weniger Minuten ihres „Warm ups“ eien eherne Allianz mit dem Publikum geschlossen, das sich sofort klar werden musste: An diesem Abend ist es nichts mit der Hingabe an den reinen Konsum, diesmal heißt es mitmachen und sich selbst einbringen. Denn davon lebt die Idee vom Improvisationstheater: Weder Schauspieler noch Publikum wissen, was der Abend bringen wird. Vielmehr generieren die Mimen auf der Bühne aus vom Zuschauer eingeworfenen Themenfetzen ohne jede Absprache untereinander Szenen und Handlungsläufe. Das ist höchst exklusiv, denn einen Impro-Theaterabend gibt es immer nur einmal – er lässt sich nicht wiederholen. Und das verspricht vor allem ein Sammelsurium skurriler, absurder, manchmal höchst genialer, immer aber überraschender Momente.

Da verwandelt sich die Verhandlungsrunde von brandaktuellen Koalitionspartnern in rasend schnellen Sequenzen zu einem Urinal der Gefühle: Mal verliebt, dann wieder ängstlich wird da beraten, eben trotzig, dann rachelüstern und schließlich ekstatisch und glücklich – „Hockenheim bekommt ein AKW!“

Dann verlegt man den schleichenden Genreübergang vom Western zum Drama in einen Tierpark, wo erst Sinnsprüche nach dem Motto „Er ist wie das Leben: Von Innen rein, von Außen dreckig“ fallen, nur um in einer packend dramatischen Todesarie zu enden: „Dieser Ort soll auch kein Tierpark sein. Er soll eine Autobahn bekommen. Oder schlimmer: Eine Rennstrecke!“

Was zunächst wie eine kindische Narretei aussieht, ist das Spiel mit dem Theater als solchem. Der rasante Wechsel der Szenen erforder von Publikum wie Schauspielern gleichermaßen höchste Konzentration, die aber in der Ironie des Getanen schließlich völlig unangestrengt wirkt. Auf die Spitze getrieben hat „Drama light“ das diesmal mit einer so genannten „ABC-Synchro-Szene“: Aus der hereingerufenen Anfangsbedingung „Scheidungstermin“ entspannen Fischer, Hillebrand und Schwarzmann eine inhaltlich wie dramatisch geniale Szene – trotz des Handicaps, dass jeder die Stimme eines jeweils anderen Schauspielers sprach. Binnen kürzester Zeit war die Verwirrung im Auditorium komplett – was neue, tiefgründige Einblicke in die Metaebene der Szenerie ermöglichte. Auf diese Weise bleibt Theatersport sicherlich ein lustvolles Kräftemessen in der Schauspielkunst – es wird aber auch zu einem innovativen und ungewöhnlichen Brennglas für die Botschaft hinter einer Handlung.

Das zelebrierte die Truppe in meisterlicher Perfektion: Danny Jaffé am Klavier warf mit traumwandlerischer Sicherheit ein paar Töne in den Raum, die sofort eine spezielle Atmosphäre schufen – eben das säuselnde Gekitsche beim Liebeslied an den Besamer („Sie sind die Fruchtbarkeit pur, sie schaffen Leben“), dann die Hochspannung, die es erfordert, wenn man einen ersten Kuss in das Genre des englischen Krimis transportiert. Dabei bleibt Jaffé markant, aber bescheiden und engt die Spielfläche für die Schauspieler nie ein.

Und die greifen Raum. Ohne Frage von besonderer Brillianz: Stefan Hillebrand. Der teddyhafte Wuschelkopf bleibt bisweilen lange im Hintergrund, um dann mit äußerst charakterstarken Kurzinterventionen den Dingen eine ganz neue Wendung zu geben. Isolde Fischer glänzt mit enormer Präsenz und einer spannenden Mischung aus Pathos und Klamauk, die sie zum kongenialen Partner für Jürgen Schwarmann machte. Der wirkte zu Beginn des Abends reichlich hölzern, was sich aber zur Mitte hin nicht nur verlor, sondern auch einer Spielfreude Platz machte, die ihn die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern ließ.

Bisweilen offerieren die auf den ersten Blick scheinbar so unbedachten Dialoge Gedankenblitze von genialer Durchschlagskraft. „So viele Kinder haben ADHS – wir glauben, Du hast das Gegenteil“, verzweifelt das das Elternpaar, um später glücklich festzustellen: „Das Kreiswehrersatzamt hat geschrieben: Er demoralisiert die Truppe – dann war unsere Erziehung doch richtig! Unser Sohn sprengt die Armee!“


So liegt ein Abend hinter Hockenheim, der nur einen Wermutstropfen brachte: Obwohl bereits im Sommer letzten Jahres eine wirklich begnadete „Drama light“-Abordnung die Rennstädter begeisterte, war der Zuspruch geringer ausgefallen – umso bedauerlicher, als der Abend neue Einblicke gewährte, viel Spaß und pure Überraschung.



Weitere Informationen im Internet unter www.drama-light.de