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Erschienen
Orgelnacht in Hockenheim präsentiert drei hervorragende Künstler
11/2009
Sich für einen neuen Weg zu entscheiden, erfordert Mut. Auf unkonventionellen Pfaden zu wandeln erfordert Kraft. Und am großen Ziel anzukommen, erfordert einen langen Atem.

Den Beweis für alle drei Thesen lieferte Mitte Oktober der zweite Teil der dreiteiligen „Herbstkonzerte“ in der Evangelischen Stadtkirche der Rennstadt: Mit einer Orgelnacht ganz für Felix Mendelssohn Bartholdy, der im Frühjahr diesen Jahres 200. Geburtstag gefeiert hätte.

Das Konzept so simpel wie bestechend: Drei großartige Organisten geben direkt hintereinander drei Orgelkonzerte – jedes für sich programmatisch eigenständig, aber alle drei Konzertteile zusammen wieder als ein großes Programm zu verstehen. So kann sich jeder genau so viel Orgelnacht mitnehmen, wie gewünscht: Von der Dosis für den Normalhörer von einer Stunde bis zum Dreieinhalb-Stunden-Komplettpaket für alle, die locker ihren Mann im Orgelwind stehen. Ob es nun daran lag, dass dieses Konzertkonzept, das durchaus von einem Wechsel des Publikums ausging, nicht recht verstanden wurde, oder aber an der dem Kurpfälzer offenbar in die Wiege gelegte Scheu, in einer Kirche Eintritt zu zahlen, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist: Das zahlenmäßig viel zu kleine Publikum konnte der großartigen Leistung, die diese Konzertnacht vereinte, nicht gerecht werden.

Mit Hockenheims Kantor Christian Holger Bühler, dem Schwetzinger Bezirkskantor Detlev Helmer und dem aus Leningrad stammenden konzertierenden Organisten Alexander Levental setzten sich drei vielbeachtete, hochbegabte und versierte Musiker an den Spieltisch, um gemeinsam ein Konzert-Trio zu geben, das es in sich hatte: Jeder Teil flankiert von zwei aus den insgesamt sechs Orgelsonaten op. 65, dazwischen jeweils wie ein feiner musikalischer roter Faden ein Teil der „Drei Präludien und Fugen“ op. 37 und als programmatische Akzente zahlreiche zumeist unbekannte Werke des deutschen Komponisten.

Genau durch diesen ganz speziellen, klaren und stringenten Ablauf, der zwar auch symmetrisch und strikt wirkte, wurde ein spannendes Wechselspiel der sehr unterschiedlichen Künstlercharaktere entsponnen, das der Orgelnacht einen zusätzlichen Reiz verlieh.

Den Auftakt gab Christian Holger Bühler – mal mit vollen Händen, dann wieder fast Bescheiden und leise – mit einem kontrastreichen Gang von Sonate Nr. 1 in f-Moll über Fugen, in denen sich der filigrane Techniker besonders wohl zu fühlen schien, bis zum Präludium und der Fuge in G-Dur op. 37,2 und der Sonate Nr. 2 in c-Moll. Ein ganz herausragender Techniker, der in den verschränkten Läufen und diffizil verwobenen Toninseln der Fugen seine liebsten Spielplätze zu finden schien. Doch der A-Organist, der offen zu seiner Liebe zur Methodik steht, entfaltete auch emotional weit gefasste Gesten, einen filigranen Tonkörper und mit einer bemerkenswerten Finesse in der Wahl der Farbe und des Duktus eine anregende Spannung, die zum Lauschen einlud. So geht Freude über: von den Händen auf die Manuale, von den Pfeifen direkt in die Herzen der Zuhörer.

Detlev Helmers entfaltete vor seinen Zuhörern eine ganz besondere Liebe zum Großen und Ganzen, er lenkte sein Augenmerk und die Aufmerksamkeit des gespannt lauschenden Publikums auf den Genuss des Klangs – höchste innere Ruhe und Ausgeglichenheit transportiert der Mann, der seit fast 30 Jahren die höchsten Weihen der Orgelmusik in Händen hält, ebenso, wie markante, reich durchwirkte Klanggemälde aus Tönen und Stimmungen. Dabei klingen seine Versionen unkonventionell, modern bisweilen, und er geht bei Dynamik, Tempo und Phrasierung oft bis zum Äußersten – was Mendelssohn gut zu Gesicht stand und eigenständige, reife und doch sehr authentische Interpretationen hervorbrachte.

Ganz in seinen persönlichen, energischen, zupackenden Charakter übersetzt hat Alexander Levental. Der graumähnige Mann interpretiert frei, phantasievoll und mit hoher künstlerischer Strahlkraft. Dabei sieht das von der unnachahmlichen Präsenz des Meisters angesteckte Publikum locker darüber hinweg, dass Levental dem Ausdruck den Vorzug vor der technischen Perfektion gibt. Er paart höchste Lebendigkeit mit tiefster Emotion, und findet zu einer sehr diesseitigen, virtuosen Fülle, die einen herrlich lustvollen Konzertabschluss bildete.

Die Euler-Orgel erwies sich als erstaunlich tonstabil, facettenreich und mit enormen dynamischen Möglichkeiten, wenngleich die Höhen bisweilen unangenehm über die etwas zu schwachen Tiefen dominierten. Für den angenehmen Klang sorgte fraglos auch die Überholung und Grundstimmung des Instruments in der vergangenen Woche – dennoch wird man nicht umhin kommen, nach nunmehr 37 Jahren Spielzeit an eine Generalsanierung der Orgel zu gehen.


Diese Orgelnacht ist ein Denkmal großer Musik, und ein Mahnmal gleichermaßen. Hochkultur ist auch in der Kirche nicht für LAU zu haben: Was hier zu hören war, das war in erster Linie ganz große Kunst – und erst in zweiter Linie caritas.