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Erschienen
Luise Kinseher erlebt mit „Glück & Co.“ die Firmenpleite
12/2009
„Dem Hähnchen ist jetzt nicht mehr kalt – es arbeitet bei Wienerwald“. Was klingt, wie eine etwas abgeschmackte Parodie auf die guten alten Bauernregeln, ist in Wirklichkeit ein „geflügeltes“ Wort des indischen Gurus „Harushi“, Dreh- und Angelpunkt der Luise-Kinseher-Kabarett-Produktion „Glück & Co.“, die Mitte November über die Bretter des Hockenheimer „Pumpwerks“ ging. Dabei ist „geflügelt“ durchaus wörtlich zu nehmen, ist Harushi doch tatsächlich ein „vollständig beklopfter Hühnerzüchter“.

Kein Wunder also, dass auch die Firma „Glück & Co.“ ein wenig wunderlich daherkommt: In einer Art Wohlbefindens-Crashkurs offerierte deren Personal alles, was es an Allgemeinplätzen zum Thema Glück zu sagen gibt, mal fein säuberlich aufgereiht auf einer Schnur, mal wild durcheinandergewirbelt in einem ekstatischen Gefühlsausbruch.

Da war die Firmeninitiatorin und -inhaberin Frau Lachner, die mit kultivierter „Friseusinnen-Romantik“ solch scharfsinnige Gedankenblitze wie „Wer schön ist, der schaut besser aus“ oder „A wenns nix nützt, vielleicht hilfts ja was“ aufs Volk niederprasseln ließ. Als verbiesterter Gegenpart zum nach außen so strahlenden, nach innen so deprimierten Chef-Coach die ältliche und vor allem verbiesterte Frau Rösch, deren größtes Glück, einmal auf der Bühne zu singen, sich erfüllen sollte (übrigens durchaus hörenswert). Aus Wien angereist die völlig durchgedrehte „Dr. Dipl.-Psych. med. Welser“, die mit Bernhard, Klaus und Peter ihre Verflossenen resümiert und statt zu therapieren Selbsterfahrungen weitergibt nach dem Motto „die Liebe ist für mich eine Grenzerfahrung“.

Dazwischen kleine Protagonisten wie Oma Frese, die ihren Gatten sucht und von der Nulldiät schwärmt: „Das reinigt Seele und Darm und erleichtert den Abgang – und ich muss nicht kochen!“ Oder die aus dem Osten stammende Frau Wandra („ich bin mit mir per sie“), die sich hat „zwei Kilo Fett absaugen lassen – das reicht mir wieder für übern Winter“.

Luise Kinseher gab die verschiedenen Charaktere durchaus mit großem schauspielerischem Talent in teilweise rasanten Wechseln – eine kleine Requisite, ein veränderter Habitus, eine andere Stimme: Fertig. Überhaupt ist die fesche Bayerin, die auch diesen Abend mit vollem Körpereinsatz gestaltete, mehr als Volksschauspielerin – vor allem aus Produktionen Franz Xaver Bogners – bekannt, denn als Kabarettistin, wenngleich sie auch in dieser Sparte zahlreiche sehenswerte TV-Auftritte wie zuletzt im Sommer in „Ottis Schlachthof“ und Preise, darunter das „Passauer Scharfrichterbeil“ und den Förderpreis des „Deutschen Kleinkunstpreises“ vorweisen kann. Aber alle Ehren liegen schon mehr als zehn Jahre zurück und ein wenig wirkt auch das Programm so: Konservativ, gediegen, brav. So plätscherten die Gags durchaus munter vor sich hin, ohne aber die große mitreißende Woge zu entfalten, die Ideen wirkten gefällig, aber kaum begeisternd.

Offenkundig war es ein unterhaltsamer Abend für das Publikum, das auch immer wieder in die Szenerie einbezogen wurde; lange in Erinnerung bleiben dürfte er allerdings kaum.

Was Kinseher fehlte, das war das inspirierende Moment, der entzündende Funke. Mehr Kritik hätte man sich für ein Kabarettprogramm gewünscht, mehr Biss, mehr Direktheit.


Nach zwei Stunden war „Glück & Co.“ nicht mehr, als ein gescheitertes Firmenprojekt, das schnell wieder in der Schublade verschwinden kann – und im „Ranking der Glücksindustrie“ kann er es sicherlich noch lange nicht aufnehmen mit „dem Dalai Lama und den Spirituosenherstellern“: „Wenn ich mal alt bin und auf diesen Pleiteabend in Hockenheim zurückblicke“, sinnierte Luise Kinseher noch im Spaß – im Abspann: Zum Glück.