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Erschienen
Andrea Reichhart ist eine seltene Blume im Jazz-Garten
01/2010
Mehr als die Hälfte der weltweit bekannten rund 250 Magnoliensorten ist vom Aussterben bedroht, so berichtete der Focus bereits 2007. Eine ebenso seltene Art Künstler präsentierte sich Anfang Dezember als Opener der traditionellen „Jazz- und Bluestage“ im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ unter dem Blütendach der herrlichen Frühjahrsbotin: „Magnolia“, so auch der Titel der 2008 erschienene letzte CD der Sängerin Andrea Reichhart, brachte einen Abend mit sehr klassischem, bodenständigem Jazz, vor allem aber eine hörens- und schützenswerte klangliche Zauberwelt, die der namensgebenden Blüte in nichts nachstand.

Auf der Bühne eine bezaubernde Schöne, gebettet in Samt und mit einer betörenden Stimme, die Andrea Reichharts Liebreiz allumfassend machte: „A Moment of beauty to me“, wie sie selbst sang. Vom ersten Titel „Remedy“ – gefühlvolle, berührender, fesselnder lässt sich ein Musikabend nicht eröffnen – über die vielen Knospen wie „Twice as strong“ oder die Adaptation des Marc-Murphy-Klassikers „Why and how“ bis in die wohlverdienten Zugaben hinein entfaltete Reichhart zusammen mit ihren drei Mannen, Pianist Christian Maurer, Bassist Hans Höll und Drummer Stefan Brandt einen sehr ergreifenden, eigenständigen Sound, der seinesgleichen durchaus suchen darf: Klar im Zentrum allen Tuns die herrlich biegbare Stimme Andrea Reichharts, angesichts deren gläserner, fast wispernder Sprechstimme man kaum ein so kräftiges, gleichzeitig aber höchst emotionales und berührendes Organ erwartet hätte, eine sehr direkte, unvermittelt berührende Stimme mit enormer Bindungskraft; doch sind ihre drei Musiker keineswegs nur Begleitung – sie warten mit einer berauschenden Klangwelt auf, in der jeder der vier Protagonisten sein Eigenleben führen darf und führt, in der Eigenständigkeit und Charakter sich vereinen, ohne die jeweilige Individualität zu verlieren. Es gibt Empfindungen, die lassen sich nur hören, nie beschreiben. Damit wartet Andrea Reichhart mit ihren Jungs massenhaft auf.

Mit „A walk in the sky“ setzen die Vier die instrumentalen Optionen nur ganz sparsam ein, schlaglichtartig, fokussierend, nie im breiten Strahl sondern immer ganz und gar auf den Punkt, um dem Gefühl, der Atmosphäre, dem Sein selbst allen Raum zu verschaffen – und trotz oder gerade in dieser Sparsamkeit entfalteten sich erstklassige Musiker mit unbändiger Phantasie, nie beliebig, nie nebenbei, sondern immer maximal präsent und kristallklar.

Mit der eigenen Variation von Peter Fesslers „Find the words“ zeigten sie ihre Finessen in puncto Scat-Gesang, beigemischt zu einem bewegt getriebenen, fast verzweifelten Gesamtklang mit drängendem Bass, antreibenden Drums und einem chromatisch schraubenden Klavier.

Enttäuscht wurde nur, wer etwas völlig Neues erwartete: Der Sound der Truppe ist einzigartig, aber er bedient sich auf eine schlicht-elegante Weise traditioneller Jazz-Elemente und ist so zwar maximal authentisch, aber naturgemäß nicht in gleichem Maße innovativ. Doch was manchem Besucher gefehlt haben mag, das hat andere gerade begeistert: Jazz, der hörenswert ist, der in vertrauten Farben neue Bilder malt, der mitnimmt und anspornt und der nicht nur intellektuelle Wachsamkeit bedient, sondern auch das empfinden für das Schöne.


Das ist, was Andrea Reichhart und Band zu einer wundervollen Blüte im Jazz-Garten macht: Ihre Musik entwickelt eine manchmal beinahe erotische Anziehungskraft, die trotzdem ganz verspielt und natürlich bleibt, Sekunden später entfesseln Sängerin und Combo sprühenden Esprit und rassige Bewegung. Sie ist, wie ihre Frontfrau – atemberaubend pendelnd zwischen Fee und Powerlady.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.andreareichhart.com.