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Erschienen
Stadtkapelle präsentiert im Jahreskonzert aller guten Dinge
12/2009
Nur einige wenige Plätze waren im ansonsten brechend gefüllten großen Saal der Stadthalle frei, als Ende November die Stadtkapelle mit ihrem traditionellen Jahreskonzert einen Auszug aus ihrem Können zeigte: Ein ungebrochener Publikumszuspruch, der unterstreicht, dass der Orchesterverein mit seiner herausragenden musikalischen Qualität einerseits, mit programmatischer Spitzenklasse andererseits genau den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Ein Weg, der die längst zu einem bemerkenswerten sinfonischen Blasorchester gewordene Stadtkapelle nicht nur weg führte von den alten Zeiten bloßer Marschseeligkeit, sondern der sie auch zum unangefochtenen Publikumsmagneten und zu einem stetig wachsenden Verein machte, der sich – wenngleich Anstrengungen in diese Richtung nie verkehrt sein können - keine allzu großen Sorgen um den Nachwuchs machen muss.

Auch in diesem Jahr konnten deshalb wieder die Früchte des besonderen Engangements und der außerordentlichen Anziehungskraft, die vom Orchesterverein und seinen Verantwortlichen entfaltet wird, geerntet werden: Mit zahlreichen neuen Instrumentalisten auf der Bühne und einem grandiosen Programm in absoluter Bestleistung.



Wie bereits in den Jahren zuvor eröffnete das Jugenblasorchester die musikalische Leistungsschau, erstmals komplett unterstützt von den „Youngsters“, dem eigentlich als „Vororchester“ konzipierten Einsteigerensemble. Dabei präsentierte die musikalische Leiterin Kristin Zimmermann ein gerade für den Fachmann überraschend komplexes Programm, das man in seinem künstlerischen Anspruch einem Laien-Jugendensemble nicht zutrauen würde. Aber kein Problem für die jungen in der Stadtkapelle: Die gerierten sich schon wie die Profis mit einem bemerkenswert vielfältigen Klang- und Farbenspielraum als faszinierend harmonisches Ganzes und – mit zahllosen Mini-Soli gespickt und technisch sehr gut präpariert - doch unglaublich vielschichtig. Was die kleinen von den Großen noch trennt, das ist allenfalls das punktuell etwas zögerliche Anblasen und die leichte Dominanz auf dem gehaltenen Rhythmus, die erahnen lässt, wie jung die Instrumentalisten sind, die hier auftraten. So gaben sie mit „The Great Locomotive Chase“ aus der Feder des amerikanischen Komponisten Robert W. Smith eine wunderbar malerische Umsetzung der historischen Lokomotiv-Jagd in einer klanglichen Inszenierung, die Musik aus genretypischen Geräuschen zusammenfügt – ein Glanzpunkt und ein bravourös gemeistertes, höchst schwieriges Unterfangen. Das Jugendblasorchester verlor seine ausgeprägte Differenziertheit auch nicht, als die 17 „ganz jungen“ von den Bläser-AGs zu Phil Collins „Selections from Tarzan“ ins Herz der Kapelle stießen – ganz im Gegenteil konnte das nunmehr 62-köpfige „Monumentalorchester“ mit einer für das Alter unglaublich reifen Interpretation punkten – und schon eine erste absolut verdiente Zugabe unter Jubel und Blitzlichtgewitter herausspielen.

Weil aller guten Dinge drei sind, präsentierte anschließend Dominik M. Koch sein drittes Jahreskonzert zusammen mit der halben Hundertschaft des Sinfonischen Blasorchesters in einem programmatisch neuen Gewandt und selbst auch mit absoluter Bestleistung: Der 2007 nach Hockenheim gekommene musikalische Leiter hat inzwischen nicht nur einen sehr charaktervollen, höchst ästhetischen Dirigierstil entwickelt, sondern auch das Orchester weiter zu einem Klangkörper geformt, der sich Tradition und Moderne gleichermaßen zugeneigt fühlt. Wo wir im vergangenen Jahr noch die Vision vermissten, ist inzwischen eine klare Botschaft entstanden, die das Wagnis aufnimmt, den Spagat zwischen Gehalt und Unterhaltung zu versuchen. Ein Spagat, der – so zeigte es dieses Konzert – bravourös gelingen kann.

So präsentierten die „Großen“ der Stadtkapelle in einem von Koch selbst arrangierten 1. Satz aus Boris Koschewnikows Sinfonie Nr. 3 eine höchst energische und zupackende Interpretation des ohnedies kraftvoll angelegten Stückes – durchaus mit unterhaltsamen Komponenten, aber in seiner Dramatik und dem Reichtum an Gegensätzen auch von betörender Anziehungskraft.

Augenzwinkernd und von der Lust an der Musik als solcher berauscht dann der Opener nach der Pause: Charles Ives „Variations on ‘America‘“, eine Verarbeitung der englischen Hymne, die hierzulande auch als Kaiserhymne des Deutschen Reiches bekannt war, brachte das Orchester selbst in den teilweise sehr verqueren Passagen sicher und mit spürbarer Spiel- und Interpretationsfreude. Ganz in der Moderne angekommen war man mit „Der Traum des Oenghus“, einer modernen, unkonventionellen Musik des deutschen Komponisten Rolf Rudin, das fesselnd und spannend und trotz seiner zahllosen musikalischen Finessen und Winkelzüge auch für Ungeübte rezipierbar bleibt. Hier konnte das Orchester seine größte Stärke im eigentlichen Wortsinne „ausspielen“: Seine reifen und phantasievollen Interpretationen, die auf einer perfekten Technik basieren und ihre Kraft aus einem ganz exzellenten Gespür für das Emotionale ziehen.


Nach den rund zweieinhalbstündigen Programm fand sich in der Stadthalle – und hier wären wir wieder beim Sprichwort – Dreierlei: Ein Dirigent, der voller Stolz alle seine Instrumentalisten zusammen und Einzeln ins Rampenlicht rückte, ein Orchester, das seiner langen Geschichte herausragender Musikabende einen neuen, wieder höchst individuellen und erlebenswerten Meilenstein hinzugefügt hat, und ein Publikum, dessen Begeisterung und Jubel keine Grenzen kannte. Und aller guten Dinge sind ja diese Drei.