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Erschienen
Justus Frantz schenkt mit Philharmonie der Nationen eine Heilige Nacht
01/2010
Mit einem ganz bemerkenswerten Konzertabend hat sich die Stadthalle Hockenheim Mitte Dezember aus ihrem Kulturprogramm für dieses Jahr verabschiedet: Das Kammerorchester der „Philharmonie der Nationen“ gab unter seinem Chefdirigent Justus Frantz ein Weihnachtskonzert der unangefochtenen Spitzenklasse – sehr klassisch, sehr barock und vor allem sehr überzeugend.

Die 24 Musiker – darunter übrigens bemerkenswerterweise nur vier Frauen – präsentierten sich als ein zur absoluten Perfektion tendierender Klangkörper, der trotz dieser Acht auf technische Reinheit eine ganz gewaltige emotionale Leuchtkraft entfaltet: Musikalische Botschaft und gefühlte Töne in einem makellosen Gewand.

Im bemerkenswert stimmungsvoll inszenierten Ambiente der Stadthalle absolvierten die von einem Cembalo ergänzten Streicher den rund zweistündigen Musikabend stehend; für die meisten Besucher hätte es deshalb sicherlich auch noch ein Concerto mehr sein dürfen, das Orchester unterstützte damit aber eine inzwischen viel zu selten gewordene Form der Standhaftigkeit und wirkte fast natürlich der Inflation in der Kunst entgegen: Zugaben nur bei frenetischer Begeisterung. Diese rasende Begeisterung allerdings gab es und dem Hockenheimer Publikum gelang letztlich sogar, den großen Meister und seine Musiker zu einer – wohlverdienten – Zugabe zu überreden.

Davor standen Händel, Manfredini, Marcello, Bach und Corelli – ein in sich stimmiges, sehr rundes und homogenes Programm, das zwar keine Überraschungen offerierte, dafür aber eine ausgesprochen klare Stimmung und sehr viel Atmosphäre.

Wer Justus Frantz kennt, der weiß um dessen besonderes Bemühen, klassische Musik näherzubringen, das Schöne zu reproduzieren, es aber auch verstehen zu lehren. Zu Weihnachten verzichtete der Meister am Pult – für viele sicherlich bedauerlicherweise – auf seine sonst üblichen Plaudereien und Anekdoten – was automatisch seinen Musikern mehr Raum offerierte.

Den die auch selbstbewusst und meisterhaft füllten.

Mit einem weich geschwungenen, warmen Musikkörper gaben sie Manfredinis Concerto grosso „per il Santissimo Natale“, dazwischen fein ziseliert und brillant glitzernd die Duetti ornamenthaft eingelegt – spannend, mit äußerster Präzision und einem meisterlich tiefgründigen Umgang mit der feinen Dynamik.

Überhaupt gelingt es dem Kammerorchester auf eine ganz bemerkenswerte Art, entspannte Ruhe in den Werken ebenso herauszuarbeiten, wie vitalen Esprit. Dabei legen weder sie, noch der Meister am Pult besonderen Wert auf authentische Aufführungspraxis, sondern nehmen den Wohlklang, das Ansprechende, den Zauber auf, um diese Gaben weiterzureichen.

Entsprechend kam Trompeter Andriy Ilkiv mit Alessandro Marcellos Trompentenkonzert in c-moll groß raus: Im eigentlich für Oboe geschriebenen Werk fängt er mit einem weichen, ganz kristallklaren Ton das energische Orchester ein in ein spannendes und großes Ganzes, in dem sein Instrument erstrahlt und sich berührend entfaltet. Von Frantz am Pult geradezu dazu angestiftet lässt der Ukrainer Ilkiv dabei seiner interpretatorischen Phantasie viel Raum, wenngleich er eben auf barocke Grundmuster weitgehend verzichtet und sich einem eher schlichten Grundduktus verschrieben hat. So fesselte er seine Zuhörer, die dafür auch über die vier in dieser Preisklasse eher ungewöhnlichen Patzer – meist im Ansatz – hinweghörten.

Gleiches galt für die Sopranistin Ikumu Muzushima. Die Stimme aus Japan gab zwei Partien Händel und Bachs „Jauchzet Gott in allen Landen“ in einer insgesamt eher druckvollen Variante mit einer Stimme, die zwar einen erstaunlich vollen Körper, aber einen Deut zu wenig Kraft mitbrachte, um in der Halle gegen das Orchester bestehen zu können – deshalb blieben ihre Auftritte gerade auch wegen der großen Ernsthaftigkeit, mit der sie interpretiert, alle sin allem ein wenig blutleer, wenngleich ästhetisch makellos.

Justus Frantz selbst zeigte sich, wie er in die Geschichte eingehen wird: Ein Dirigent des großen Gestus, der aber auch im feinsten Pianissimo mit einem Augen-Blick stets vollste Autorität genießt und seine Instrumentalisten schlafwandlerisch und doch bestimmt durch die Interpretationen führt.

Als man sich mit dem in Ton gegossenen sanft entschlummernden Christuskind in Arcangelo Corellis Pastorale aus dem Concerto VIII „Fatto per la notte di natale“ mit einem maximal sanften, spannenden, fesselnden, hinreißenden Musikgenuss verabschiedete, war sie schon an diesem Abend da, die Heilige Nacht.





Zur Person: Justus Frantz und die Philharmonie der Nationen



Justus Frantz gehört ohne Frage zu den bemerkenswertesten, wenngleich auch äußerst umstrittenen Künstlern unserer Tage.

Der heute 65-Jährige begann mit vier Jahren am Klavier und entwickelte sich – auch durch besondere Förderung, die ihm manche Türe öffnete – zu einem herausragenden Pianist internationalen Rangs: 1970 gelang der Durchbruch mit Herbert von Karajans Berliner Philharmonikern, 1975 debütierte er unter Leonard Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern. Stets war die Vermittlung und Förderung musikalischen Könnens wie musikalischen Wissens gleichermaßen seine Passion. So gründete Frantz 1986 nach seiner Ernennung zum Professor an der Musikhochschule Hamburg das „Scheswig-Holstein-Musikfestival“ (SHM), das Künstler der Weltelite auf Bühnen in Scheunen und Schlössern bringt, um die Spitzenmusik der Bevölkerung näherzubringen. Das gleiche Ziel verfolgte er mit der Fernsehserie „Achtung! Klassik“ im ZDF, für die er mit mehreren Fernsehpreisen ausgezeichnet wurde. Justus Frantz ist Sonderbotschafter des Hohen Flüchtlingskommissars der UNO und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Die „Philharmonie der Nationen“ wurde von Frantz 1995 als ein Förderorchester für hochbegabte junge Musiker gegründet. Es hat seinen Sitz in Deutschland, allerdings beheimatet es unter dem Slogan „Let’s make music as friends“ Künstler aus derzeit 19 Nationen und fünf Kontinenten - ein Orchester, das längst Weltruhm genießt und Privatkonzerte beim Papst ebenso gibt, wie musikalischen Rahmen beispielsweise beim Festakt zur Aufnahme der Originalhandschriften der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in das UNESCO Weltdokumentenerbe-Verzeichnis „Memory of the World“.

Allerdings sind Frantz, der musikalisch zu den ganz Großen zählt, wie seine Orchester immer wieder mit Skandälchen und Skandalen in den Schlagzeilen; so endete seine Intendanz beim SHM 1994 nach langen Querelen recht unrühmlich, immer wieder gerät er wegen Finanzunsicherheiten ins Visier der Öffentlichkeit und kritische Berichterstattungen über die Bezahlung und den Umgang mit seinen Musikern ließen die „Philharmonie der Nationen“ bereits mehrfach straucheln. Derzeit liegt man dort im Clinch mit dem Förderverein und dessen Vorsitzenden, nachdem alle Sponsoren abgesprungen waren und es offenbar zum Streit mit Frantz gekommen war – Showdown war die inzwischen richterlich kassierte Absetzung der Fördervereinsvorstände.



Weitere Informationen im Internet unter http://www.philharmonie-der-nationen.de.