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Erschienen
Ensemble Classique
03/98
Hochrangige Musik stößt in Hockenheim auf taube Ohren
Unter anderen Umständen hätte man gesagt, es hätte mit der Landtagswahl in Niedersachsen zu tun: Noch nicht einmal 200 Besucher füllten gerade einmal ein paar spärliche Reihen im dadurch unglaublich groß wirkenden Saal der
Trotzdem: Hut ab vor den Künstlern, die offenbar unbeeindruckt dennoch das Beste gaben. So konnten diejenigen, die gekommen waren, nicht nur an den umfangreichen Reputationslisten, die so hochrangige Künstler wie Leonard Bernstein, Justus Frantz, Maurice André und David Copperfield aufführt, ablesen, daß es sich beim "Ensemble Classique" um eine Musiker-Gemeinschaft handelt, die zu Recht auf den Bühnen dieser Welt zu Hause ist, sondern auch am tatsächlich vorgetragenen Programm. Zwar mag dieses - als beinahe perfekte Kopie - denjenigen, die bereits 1997 zu Gast bei den Musikern waren, recht bekannt vorgekommen sein. Zwar nicht neu war es dennoch sinnfälliges Spiegelbild der musikalischen Klasse, die die sechs Bläser und ihr Paukist erreicht haben.

Das 1986 gegründete Ensemble hatten es in diesem Jahr unter das Motto "Europe meets America" gestellt und damit einen Streifzug durch abwechselnd neues und gut bekanntes unternommen.

Dabei war es nicht nur die musikalische Perfektion, die sowohl die Laien, als auch die durchaus zahlreich unter den Zuhörern vertretenen Blasmusik-Experten faszinierte, sondern insbesondere der jugendliche Elan und die daraus resultierende spritzige Frische, die dem Ensemble (und nicht nur dem Conférencier und Posaunisten Gerhard Wolf, wenn auch dem in besonderem Maße) eigen ist. Da kann es eben einmal sein, daß man - weil schließlich "alle von Subventionskürzungen betroffen sind" und trotzdem die "große Oper" nicht sterben darf - ein Carmen-Inszenierung vorlegte, die mit sieben Musikern auskommen muß (mit besonderen Schwierigkeiten bei der Besetzung der Frauenrollen...).

Unkonventionell zusammengestellt, teilweise auch unkonventionell interpretiert auch ein Teil der übrigen Stücke; da werden die großen Melodien der Broadway-Giganten teils mit hartem Bruch, teils mit sanften Übergängen zusammengemixt, "Jesus Christ Superstar" wandert in einen Topf mit einem vor allem durch die Trompeten ausgelassen intonierten "Cabaret" und einem im Posaunenterzett hingehauchten "Love me tender" um dann mit "Aquarious" aus "Hair" abgeschreckt zu werden; da steht ein in homogenster und fließendster Manier zelebrierter Brahms ("Guten Abend, gut‘ Nacht") in direkter Nachbarschaft zu einem Ragtime der Jazz-Ikone Scott Joplin, der Anfang unseres Jahrhunderts diese rhythmisierte Form des Jazz erfunden hat (wohl bekanntestes Werk: "The Cascades").

Unkonventionell darf hier aber nicht mit unangemessen verwechselt werden: Ganz im Gegenteil tut es gut, wenn durch den bisweilen doch arg muffig gewordenen Pathos des Künstlers und der scheinbar wie festzementierten Musikvorstellung Zentraleuropas ein frischer Wind weht. Und Musikerzirkel wie das "Ensemble Classique" sind es, die sich dieser Aufgabe alleins tellen können, weil sie sowohl den nötigen Rückhalt im künstlerischen "Establishment" haben, als auch – und dies als Grundvoraussetzung – ein atemberaubendes Talent.



Ein Talent, das die Instrumentalisten um dem musikalischen Leiter Winfried Roch – selbst durch zahlreiche Kompositionen, darunter das symphonische Werk zur Deutschen Einheit, das Roch im Auftrag des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker komponierte, bekannt - sowohl im Tutti, als auch in solistischen Passagen immer wieder unter Beweis stellen konnten. Besonders hervor taten sich dabei sowohl der Solotrompeter Rolf Ihler, der die halsbrecherischen Koloraturen ebenso wie die breiten musikalischen Linien in Jean Baptiste Arbans "Fantasie Brillante" sauber und technisch perfekt meisterte, als auch der Soloposaunist Peter Seitz, dessen Interpretationen – beispielsweise von Pryors "Bluebells of Scotland" - passagenweise bis an die Grenze dessen, was man als bereits nicht mehr zulässig empfinden würde, gehen: Mit hervorragendem Gespür und vielen guten Ideen, vor allem aber mit einer erstklassigen Technik stellt Seitz die Werktreue zugunsten des musikalischen Optimismus in Frage.

Musiker, wie diese müßte es landauf landab viel mehr geben. Und sie müßten – nicht nur landauf landab, sondern eben auch und vor allem in Hockenheim – auf weitaus offenere Ohren stoßen.

(mhw)



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