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Erschienen
Bucht(r)ip macht in Sizilien das Licht aus
01/2010


Zum - zumindest vorerst – letzten Mal startete Mitte Dezember die „Bucht(r)ip“-Reisegesellschaft zu einer neuen literarisch-kulinarisch-audiovisuellen Rundreise durch ein bislang unbekanntes Land. Mit der Destination Sizilien hat man an den bereits im Frühjahr begonnenen Trip „Back tot he roots“ angeschlossen und in Reminiszenz an den ersten „echten Bucht(r)ip“ 1996 ebenfalls Italien als Ziel gewählt.

Ein paar leere Tische im sonst fast immer ausverkauften „Haus der Feuerwehr“ waren wohl einer Mischung aus fehlender Vorankündigung und einer gewissen Scheu davor, beim „Letzten Mal“ dabei zu sein, geschuldet. Doch davon ließen sich weder Rosa Grünstein, noch ihr lesender Mitstreiter Thomas Liebscher und schon garnicht Neulußheims Kulturminister Klaus Maier schrecken: Sie lieferten eine Abschiedsvorstellung mit sehr viel Herz und vor allem unglaublich viel Lachen angesichts der doch vor allem im Publikum spürbaren Traurigkeit über das vorläufige „Aus“.

Liebscher stellte zunächst einen eher schweren Vertreter der sizilianischen Literatur vor: Guiseppe Tomasi di Lampedusas „Der Gattopardo“ (Neuauflage 2008, Piper-Verlag, München) handelt die Saga seines Urgroßvaters, des Adligen „Don Fabrizio“ ab, in Luchino Viscontis legendärer Verfilmung „Der Leopard“ die Titelrolle. Der Autor vermag in seinem einzigen jemals veröffentlichten Roman vor allem Atmosphären zu schaffen: Die opulente barocke Pracht der Fürstenfamilie, ihre Angst vor dem Niedergang angesichts der politischen Verwerfungen im Zusammenhang mit der Rothemden-Invasion Guiseppe Garibaldis 1860 und die tatsächliche Erosion von Macht und Reichtum nach dem Tod Fabrizios.

Eher heiter und unterhaltsam, wenngleich seiner besonderen Form wegen durchaus anspruchsvoll: Andrea Camilleris „Der unschickliche Antrag“ (2008, Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt/M.) verzichtet vollständig auf einen Erzähler und reiht ausschließlich Briefe und Dialoge aneinander, um die skurrile Handlung und ihre noch viel skurrileren Verwicklungen um den Holzhändler Filippo Genuardi, der – ganz Technik-Freak – den Frevel begeht, einen Antrag für einen Privaten Telefonanschluss zu stellen; was ihn 1891 in den Verdacht bringt, ein Terrorist zu sein. Ein Schelmenstück von ganz besonderem Liebreiz und Humor, das allerdings geprägt ist von seinen Tragischen Wendungen – ohne Frage eine Bereicherung weit jenseits der altbekannten Montalbano-Manie um Camilleri.

Rosa Grünstein blieb auch bei diesem letzten „Bucht(r)ip“ ihrem Konzept treu: Mit einer tragischen Geschichte zum Einstieg und „Sex and crime“ zum Abschied, vor allem aber ihrer sicheren, leicht zur Dramatik neigenden Lesart konnte sie fesseln und erfreuen.

Roberto Alajmos „Mammaherz“ (2008, Haymon-Verlag, Innsbruck) ist die verquere Geschichte um den – meist untätigen - Fahrradbastler Cosimo Tummina. Und vor allem die mit trockenem Humor beleuchtete Beziehung Cosimos zu seiner Mutter, die katalysiert, als der Junge von Vorbeireisenden ein Kind in Obhut bekommt – das diese nicht mehr abholen. Kriminalroman und Psychostudie über italienische Mamas und deren Muttersöhnchen – allerdings keineswegs eine „Hommage“, wie immer wieder zu lesen ist, denn dafür findet ein Deut zu viel Gewalt seinen Weg in die Zeilen.

Ganz und gar nicht humorvoll, eher packend und manchmal durchaus gruselig: Guiseppe Favas „Ehrenwerte Leute“ (1990, Unionsverlag, Zürich) ist weit mehr als ein Kriminalroman, obwohl es von Leichen wimmelt und Täter oft unerkannt bleiben. Die Geschichte um die Lehrerin Elena, die es in die Provinz verschlägt, wo sie zwischen einem unbekannten Schutzherrn, der alle, die ihr Böse wollen, aus dem Weg räumt und einer unheilvollen Macht des Bösen zerrieben wird, ist eine Charakterstudie in klarer, nüchterner Sprache und dennoch mir einer packenden Atmosphäre.

Zwischen den Lesungen wie immer: Kulinarische Köstlichkeiten – diesmal fünf verschiedene Pasta-Variationen zu einem vollmundigen Roten – und die von Klaus Maier mit ganz eigenem Humor vorgetragene Bilder-Show. Kein Mensch im Saal wollte mehr wissen, wie hoch der Ätna ist, wo Palermo liegt oder wie die vielen griechischen Tempel auf Sizilien kamen – was das Publikum wollte, war Klaus Maier und dessen scharfzüngige Reiseleitung: „Der Monte Pellegrino – den kenn ich aus der Flasche“ als geografischer Tipp, „Alle WKD-Vorschriften sind eingehalten: Überall Handwaschbecken und Seifenspender“ angesichts einer Fischmarktszene. Minutenlanges anhaltendes Lachen begleiteten den Lichtbildvortrag, der wie immer von „meinen Azubinen“ zusammengestellt wurde. Auch diesen Part des „Bucht(r)ips“ wird man vermissen.

Wie überhaupt nach rund drei Stunden Kunst, Kultur und Genuss und im Rückblick auf die vergangenen 15 Jahre erfolgreicher Veranstaltungen im Auftrag des Buches nur eines zu sagen bleibt: „Vielen Dank, dass Sie sich für Bucht(r)ip-Reisen entschieden haben!“





Bucht(r)ip setzt sich nach 15 Jahren Reiselust zur Ruhe – und fängt in Hockenheim neu an



Butler, die in weißen Handschuhen und Livree feine Speisen servieren, Klezmer-Klänge zu israelischen Köstlichkeiten und Sahra Wagenknecht, damals prominenteste Vertreterin der „Kommunistischen Plattform“ in der PDS, inkognito im Publikum – in 15 Jahren „Bucht(r)ip“ hat vor allem die treue Fangemeinde der wohl zu den bemerkenswertesten Kulturveranstaltungen der Region zählenden literarisch-kulinarischen Serie Einiges erlebt: An 43 Abenden wurden fast ebensoviele Länder und Regionen aufgesucht, um deren Literatur, den landschaftlichen Reiz und die dortige Küche kennenzulernen. Insgesamt 172 Bücher fanden ihren Weg erst in den Bucht(r)ip, dann in die Herzen der Zuhörer und schließlich in die Neulußheimer Gemeindebücherei.

Begonnen hatte alles am 03.11.1995, als man vom „Alten Bahnhof“ aus Richtung Spanien aufbrach – damals noch als reine Lesung von Rosa Grünstein und Agnes Schindelar-Böhm. Bereits beim zweiten Reiseziel im Frühjahr des folgenden Jahres musste durch einen Zufall der damalige Bürgermeister Gerhard Greiner als Leser mit schwäbischem Akzent einspringen – und feierte ungeahnte Erfolge. Zu dieser Reise nach Italien hatte man auch den damals in Neulußheim neu eröffneten „Markant“-Markt zur Mithilfe gewonnen und damit die kulinarische Komponente integriert, die später vom damaligen Hardthallen-Wirt Peter Kühne und zuletzt vom Eichelgartensee-Koch Steffen von Colbe weitergeführt wurde. Zur dritten Reise am 19.04.1996 war das danach vierzig Mal erfolgreich neu aufgelegte Konzept komplett: Grünstein und Greiner lasen jeweils zwei Bücher, in der Pause gabs Probiergerichte aus der Landesküche und zwischen den Lesungen visualisierte der damalige Volkshochschulchef Josef Diller die landschaftlichen Gegebenheiten des Reiseziels.

Bereits im ersten Jahr musste man wegen des anhaltend großen Erfolges in das „Haus der Feuerwehr“ umziehen, das in der Folge bisweilen selbst zu klein zu werden drohte. 2003 berichtete unsere Zeitung, dass man inzwischen wegen des Bucht(r)ip-Erfolges Angst um Kulturamtschef Klaus Maier haben müsse: „Wüste Beschimpfungen und die Androhung der Anwendung von Gewalt – vorrangig aus dem sonst so gesitteten Mund Damen mittleren Alters – sind an den Vorverkaufstagen längst die Regel“.

Maier wurde aber noch gebraucht: Er musste 2005 nach dem bedauerten Ausstieg Dillers und zwei „Interims-Vorführern“ die Herrschaft über die Bilder der Abende übernehmen. Was er mit einer ganz eigenen, vielgeliebten und von unzähligen Lachsalven garnierten Art machte: „Klaus ist ein Ereignis an sich, ein Sahnehäubchen“, wie Grünstein feststellte.

Als am 22.02.2008 plötzlich und unerwartet Bürgermeister Gerhard Greiner starb, verlor die Bucht(r)ip-Gemeinde mehr als nur einen Vorleser, vielmehr eine Säule der Veranstaltung – die tiefe Erschütterung, die die gesamte Gemeinde und Region ergriff, wurde noch tiefer empfunden. Trotzdem kam man nach einem halben Jahr Pause überein, auch hier Greiners Erbe fortzuführen. In die wirklich großen Fußstapfen trat im November 2008 der hierzulande hinlänglich bekannte Mundartdichter Thomas Liebscher, der bis zum vergangenen Freitag Grünsteins Gegenüber bildete.

Die Gründe für das Aus nach 15 Jahren liegen vorrangig in der Gemeinde selbst: Klaus Maier war bei den materiellen Arbeiten hinter den Kulissen „Alleinunterhalter“ – Pressewart, Kartenverkäufer, Bestuhler, Einkäufer, Abräumer, Spüler, Flaschenwegbringer in Personalunion. Als ihm nunmehr im Zuge von Sparmaßnahmen im Rathaus zusätzliche Aufgaben übertragen wurden, mussten scharfe Einschnitte erfolgen – auch zum Schutz der eigenen Gesundheit, was Maier sicherlich nie selbst sagen würde, was ihm Vertraute aber deutlich anmerken konnten.

Sowohl das Publikum, als auch die Protagonisten wollten die Veranstaltung nicht sterben lassen – sie suchten und wurden fündig. Nach dem Umbau der Zehntscheuer in Hockenheim und dem Einzug der Stadtbibliothek in die neuen Räume im Sommer 2010 lädt Bibliotheksleiter Dieter Reif den Bucht(r)ip dorthin ein: „Ich wollte sowas schon immer in mein Haus holen – jetzt geht das endlich auch“, freute sich Reif im Gespräch mit unserer Zeitung. Am Konzept wollen die Macher festhalten – es müsse zwar noch ein Caterer gefunden werden, trotzdem sei das „wie ein Geschenk im Doppelpack“, so Rosa Grünstein: „In ein Gebäude zu ziehen, das so viel Charakter hat und dann zu Lesen umgeben von Büchern“.

„Einen alten Baum verpflanzt man nicht“, sagt der Volksmund; trotzdem hoffen die Bucht(r)ip-Macher, dass man das Stammpublikum zum Umzug bewegen und gleichzeitig neue Zuhörer gewinnen kann. „Aber“, so beteuern Liebscher und Grünstein gleichermaßen, „die Abende bleiben so klein und familiär wie bisher“.

„Wie kann man so eine erfolgreiche Veranstaltung ziehen lassen?“ fragte Klaus Maier am vergangenen Freitag Abend. Da war der neue Bürgermeister Gunther Hoffmann – erstmals in den vergangenen 15 Jahren – gerade zu den letzten fünf Minuten Bucht(r)ip von der Weihnachtsfeier des Gemeinderates herübergeeilt. Hoffmann wusste keine weitere Antwort als „Wir haben neue Aufgaben bekommen und gleichzeitig müssen wir sparen“. So steht die Frage noch immer im Raum – und dazu die feste Überzeugung des Publikums: Was Neulußheim einzigartig macht unter den Gemeinden der Region, ist die Kulturarbeit. Aber wie kann man dann eine so erfolgreiche Veranstaltung ziehen lassen?