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Erschienen
Hockenheimer Madrigalchor und dessen Kinderchöre bringen ungespreizte Schönheit
01/2010
„Es begab sich aber zu der Zeit ...“ – allenthalben und alle Jahre wieder ist diese Zeile in den Wochen vor der Heiligen Nacht überall zu hören. Der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium einen ganz bezaubernden Liebreiz gabenEnde Dezemberdie Kinderchöre und erwachsenen Sänger des Hockenheimer Madrigalchors, als sie in der Katholischen Kirche zusammen mit dem Spielkreis für Alte Musik der Musikschule weihnachtliche Musik und szenische Darstellung miteinander verbanden.

Der erste Block, eine lockere Folge beliebter Weihnachtslieder und –musiken, wurde vom Madrigalchor und dem Spielkreis bestritten und brachte unter anderem Hammerschmidts „Machet die Tore weit“, mit dem sich der Chor, seit jeher Garant für technisch versierte und emotional geladene Vokalmusik, in brillantem Ton und einer gerade in den zahllosen Fugato-Führungen spannenden Präsenz zeigte. Und das entgegen der etwas diffizilen Akustik der Kirche mit ihren hohen Laufzeiten und oft ungünstigen Hall- und Echoparametern.

Weiter glänzte der Chor und vor allem seine Solistin Ellen Kneifel mit Heinrich Schütz‘ „Deutschem Magnificat“: Eine mit natürlichem Liebreiz so begabte Stimme, die allerdings in dem großen Raum etwas Probleme damit hatte, sich gegen die Prominenz von Chor und Orchester durchzusetzen.

Etwas einfacher hatte es der Spielkreis, der näher am Publikum im Halbkreis um den Altar positioniert und nicht durch Säulen bedrängt war, mit der Akustik. Die elf Instrumentalisten an Gamben und Flöten verliehen der Veranstaltung eine besonders feierliche, wohlig-heimelige Atmosphäre und präsentierten Werke von Händel, Giardini und Vivaldi, wobei ein auffordernder, belebter Grundtonus das Spiel sowohl alleine, als auch als Begleitung des Chores prägte.

Eine bemerkenswert dramatische Interpretation lieferte man durch die besondere Acht auf dynamische Finessen und emotionale Höhe wiederum gemeinsam mit Melchior Francks „Wahrlich, ich sage Euch“, wobei der Chor die Engführung der Motive hörbar genoss und jeden Takt bis zum Äußersten auskostete – durchaus zum Genuss des Publikums.

Trotz der Qualität ihres Konzertteils mussten Chor und Orchester zum eigentlichen Höhepunkt doch hinter den jungen Sängern der Kinderchöre in die zweite Reihe zurücktreten. Und das nicht nur, weil die insgesamt 35 Engel und Hirten in ihren Kostümen allein schon einen so herzige Anblick boten, der sich in echte Berührung steigerte, als sie in kleinen Szenen in einem vom musikalischen Leiter des Abends und der vier Ensemble, Robert Sagasse, an Carl Orff angelehnten Pasticcio die Geschehnisse der Heiligen Nacht noch einmal nachspielten.

Ganz im Gegenteil: Die jungen Sänger glänzten daneben mit einer, wenn man ihr Alte rund die Tatsache bedenkt, dass es sich um Laienchöre handelt, wirklich außerordentlich guten Leistung: Mehrstimmig und im Kanon kamen beispielsweise die Engel daher - eine echte Herausforderung für das kindliche Gehör -, bevor instrumental und vokalartistisch mit Geblöke und Bellen und Scharren eine erstaunlich authentische Atmosphäre bei den Hirten „auf dem Felde bei den Hürden“ erzeugt wurde. Ebenfalls ein sowohl emotional, als auch dramatisch packender Moment, als im Stall um das Christuskind die Engel Johanna Blaser, Valentin Rothbauer und Jannik Sulger aus allen Ecken der Kirche glockenhell aus Friedrich Spees „Als ich bei meinen Schafen wacht“ im Wechselgesang mit dem „Benedicamus domino“ des Chores sangen.

Besonders ergreifend und ohne Frage der eigentliche Star des Abends: Der erst elfjährige Fabian Rothbauer. Gemeinsam mit Chiara Schrenk als Maria gab er die Weise aus dem 15. Jahrhundert „Josef, lieber Josef mein“, seine kristallklare, glockenreine und schon in so jungen Jahren ungewöhnliche ausdrucksstarke Stimme bereitete – da noch als Engel – aber schon mit Bachs Version von „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ unausweichliches Gänsehaut-Feeling: „Lieblich, freundlich, Schön und herrlich!“


Als nach etwas mehr als einer Stunde der Taizé-Gesang „Gloria in excelsis deo“ aus allen Kehlen von Kinderchören und Madrigalchor erschallte und eine festliche, feierliche Spannung im Kirchenschiff zurückließ, war der minutenlang brandende Applaus das Ergebnis eines ganz außergewöhnlichen Musikabends: Natürlich und ungespreizt und voll reiner Schönheit.