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Erschienen
Außerordentliches Neujahrskonzert ist Botschaft und Prädikat
02/2010
Eine „Traumwelt der Musik“ haben die beiden Conférenciers des Abends, Agnes Fuchs und Thomas Liebscher, angekündigt und immer wieder beschworen: Eine solche Traumwelt ist – singend und spielend – entstanden, als Mitte Januar der Orchesterverein Stadtkapelle und der „große“ Chor des AGV Belcanto in der Hockenheimer Stadthalle das traditionelle Neujahrskonzert zelebrierten.

Zum Jahresauftakt brach der rennstädtische Musentempel angesichts der weit mehr als 800 Zuschauer förmlich aus allen Nähten – ein wohltuendes Bild, diese Kombination aus vollbesetzten Zuschauerrängen und einer ebenso voll besetzten Bühne: Rund 120 Instrumentalisten und Sänger begeisterten ihr Publikum in vielerlei Hinsicht.

Nur auf den ersten Blick unausgegoren das Programm: Da prallten im ersten Block die hochsymphonische Musik der Stadtkapelle auf Welthits der U-Musik der 1960er und 70er Jahre vom AGV Belcanto hart aufeinander. Doch wer die traditionellen Regeln der Musikprogrammatik ablegen und sich auf die Experimente, aus denen die Neujahrskonzerte auch in der Vergangenheit oft bestanden, einlassen kann, der entdeckt gerade hinter diesen harten Schnitten durchaus reizvolle Eskapaden, die nicht nur wachrütteln, sondern auch ganz eigentümliche Parallelen aufzeigen können.

Philip Sparkes „Prelude to a Celebration“ als rhythmisch und dynamisch hochspannender, frischer Einstieg der Stadtkapelle in den Abend wurde abgelöst von „Imagasy“, einem explosiven Werk des gerade einmal 25-jährigen, in der Blasmusik verwurzelten Komponisten Thiemo Kraas, das einerseits dem Schlagwerk einen besonders expressiven Part zuwies, andererseits viele solistische Passagen zur Vorstellung offerierte. Als Highlight des ersten Programmblocks bot man mit dem Arrangement „Pirates of the Caribbean“ aus der Feder John Wassons abschließend einen Querschnitt aus Klaus Badelts Soundtrack zum Kinofilm „Fluch der Karibik“, in dem sich dichte, hohe Dramatik und ganz bemerkenswert feinfühlig zarte Takte abwechselten: Der enormen Spannung, in weiten Bögen ausgeführt, konnte man sich kaum entziehen und verspürte dabei eine packende Gegenwärtigkeit – ein imposanter, von viel programmatischer Vision geprägter Beitrag, die den ungeteilten Applaus, der Stadtkapellendirigent Dominik M. Koch zum heimlichen Star des Abends avancieren ließ, ebenso begründete, wie dessen uneingeschränkt begeisterndes, äußerst ästhetisches Dirigat. Das Orchester stand seinem Leiter in nichts nach: Die 45 Instrumentalisten verschmolzen alle Register zu einem ganz außerordentlich differenzierten Klang, höchst homogen und doch vielschichtig, von phantasievollen Interpretationen ebenso charakterisiert, wie von einer kaum überbietbaren Perfektion in Dynamik und Klangfarbe. Man ist von der Stadtkapelle Höchstleistungen weit jenseits dessen gewohnt, was man von Laienorchestern erwarten darf - und doch erstaunen die Instrumentalisten immer wieder aufs Neue.

Der AGV Belcanto setzte mit seinen Beiträgen im ersten Programmblock auf den Überraschungsmoment. Mit Gloria Gaynor („I will survive“) machten zuerst die „Belcanto-Mädels“ das doch irgendwie "hochoffizielle" Neujahrskonzert zur Disse, mit dem Grease-Gassenhauer „You’re the One that I want“ später zusätzlich auch die „Jungs“ einen auf John Travolta und Olivia Newton-John: Harte Jungs in Lederjacken und Sonnenbrillen, fesche Mädels in rassigen Outfits – zu den durchaus authentischen, bewegten Interpretationen des Belcanto hätte nur noch die Spiegelkugel gefehlt, um ganz in der „guten alten Zeit“ zu versinken.

Und ebenso ging es weitere: Das zahllos gecoverte „You raise me up“ (Solo: Siegfried Wosnitzka) reihte sich zu „This is the Moment“ und Neil Diamonds „I’m a Believer“, das einst zum Kulthit der „Monkees“ wurde. Der Chor überzeugte dabei durch eine gewitzte Gesamtperformance, die den Gesang selbst mit einer augenzwinkernden Bühnenshow verband. Zwar litten die Sänger alles in allem etwas darunter, dass sie durch die deutlich zu prominente Band klanglich immer wieder verdeckt wurden, doch konnten sie sich als homogener, durchaus auch gefühlvoller Chor präsentieren, der auch in der Lage ist, den emotionalen Tiefgang und den Pathos seiner Stücke auszukosten, wenns darauf ankommt. Gerade im Schlager aus dem Broadway-Musical „Jekyll & Hyde“ kuschelten sich die Männer unter der Leitung Özer Dogans musikalisch an die hier besonders anschmiegsamen Frauenstimmen – Musik mit Gänsehautfeeling-Garantie.

Als die beiden Gruppen im zweiten Programmblock dann gemeinsam auf der Bühne standen, musste der Chor leider etwas Federn lassen, was aber vor allem der Tontechnik der Stadthalle geschuldet war: Hinter dem Orchester und den Seitenwangen stehend und durch Mikrofone eher unzureichend verstärkt, wurden vor allem die Männerstimmen streckenweise zu Phantomen. Dennoch lieferte man gemeinsam auch in diesem Block zwei denkwürdige Höhepunkte: Zunächst eine martialisch-wuchtige Rückkehr aus der Pause mit Johan de Meijs Version des unsterblichen Morricone-Klassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ in „Moment for Morricone“, in dem (Background-)Chor und Orchester hervorragend zusammenwuchsen. Die Stadtkapelle konnte sich hier als einen unwahrscheinlich präzisen Klangkörper mit schelmischer Phantasie präsentieren – als das Wort Genuss geprägt wurde, war ohne Frage ein Orchester dieser Klasse zugegen.

Der AGV Belcanto und vor allem seine Solistin Anne Rosenberg glänzten mit „Ich gehör nur mir“ aus dem Wiener Erfolgsmusical „Elisabeth“; mit ihrer zartfühlenden, sehr natürlichen Stimme, die viel Grazie atmet und gerade in der Mittellage ordentliche Durchzugskraft entfaltet, war die 23-jährige Sängerin ganz und gar mit dem hochemotionalen Titel verschmolzen und erntete verdient Jubel und Applaus.


Überhaupt war das Publikum nach dem rund zweieinhalbstündigen Programm völlig aus dem Häuschen: Mehrfache stehende Ovationen und – ebenfalls mehrfacher - minutenlanger Applaus waren der unüberhörbare Ausdruck höchster Begeisterung – wohlverdient und nicht mehr als recht angesichts eines wirklich begeisternden Konzerts, das nicht nur Klasse mitbrachte, sondern vor allem auch die besondere Liebe der Sänger und Instrumentalisten zur Musik unter Beweis stellte. Entsprechend kann man die Zugabe zum Abschied als Botschaft und Prädikat gleichermaßen auffassen: „Music was my first love – and it will be my last“.



Weitere Informationen und die Probentermine der beiden Gruppen im Internet unter http://www.stadtkapelle-hockenheim.de und http://www.agv-belcanto.de.