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Erschienen
Phantom der Oper erhält in Hockenheim nur höflichen Applaus
02/2010
Es ist ein großes Wagnis, gegen einen übermächtigen Gegner in den Ring zu steigen. Ein gewisser David hat seinerzeit gegen Goliath einen legendären Sieg errungen - garantiert ist der aber in keinem Falle.

So ging es auch dem Ensemble um Regisseur Joachim Sautter, als es Mitte Januar in der Hockenheimer Stadthalle mit einer eigenen Musical-Adaptation des weltberühmten Romans „Das Phantom der Oper“ des französischen Journalisten und Schriftstellers Gaston Leroux antrat – unausweichlich musste man den Vergleich mit dem zigfach ausgezeichneten Kult-Musical aus der Feder des britischen Komponisten Andrew Lloyd-Webber auf sich nehmen. Ein Vergleich, den man eigentlich kaum gewinnen kann, denn sowohl Musikliebhaber, als auch die Kritik sind sich einig, dass Webbers „Phantom“ ein Meilenstein des Genres ist – und inzwischen mehr als 100 Millionen Zuschauer unterstreichen diese Sichtweise.

Dennoch konnte sich die Produktion der WWE, die bis Anfang März insgesamt mehr als 60 Aufführungen auf sehr unterschiedlichen Bühnen erleben wird, zumindest unter den „Phantom“-Neuinszenierungen durchaus einen guten Platz sichern. Dazu trug sowohl das für ein Tournee-Theater erstaunlich aufwändige und prunkvolle Bühnenbild Michael Scotts ebenso bei, wie die gewitzte Idee, der altbekannten Story, die nur in Nuancen angepasst und damit einen Hauch näher an den Originalroman gerückt wurde, nicht nur eine eigene Musik beizugeben, sondern diese mit bekannten Opernwerken zu durchbrechen.

Insgesamt erlebte das vollbesetzte Stadthallen-Auditorium eine Inszenierung der Extreme, deren fragmentarisches Gespaltensein zumindest punktuell einen ganz eigenen Reiz entwickelte. Da prallten aufwändige, klassische Kostüme auf eine ausgesprochen gegenwärtige, frische Musik. Das Bühnenbild, stoffgegeben weitgehend geprägt durch die prunkvolle Opéra National de Paris, wurde durch zahllose Bild- und Lichteinspielungen nicht nur ergänzt, sondern geradezu aufgebaut.

Und dann war da eben noch dieser extreme Kontrast zwischen den klassischen Opernwerken – Puccinis „O mio babbino caro“ war da ebenso zu hören, wie Margarethes Arie aus Gounods „Faust“ oder „Se tu m’ami“ von Pergolesi und Battista – und der Eigenkomposition Peter Moss‘. Dessen „eigentliche“ Musical-Titel verloren sich leider einen Deut zu oft in einer lapidaren Schunkelseeligkeit und wurden immer allzusehr vom Schlagzeug dominiert – wobei man sich generell fragte, warum man sich den Luxus erlaubt, ein Orchester mitzubringen und dieses dann völlig unnötig doch über eine Tonanlage zu verstärken.

Schauspielerisch und gesanglich hatte man mit der Sopranistin Deborah Sasson zwar durchaus einen Star auf die Bühne gestellt, allerdings ist eine derart erfahrene und eben auch reife Sängerin – ihr Engagement an der Met und ihre Zusammenarbeit mit Leonard Bernstein hatte Sasson bereits in den 1980-er Jahren - unglaubwürdig in der Rolle des „Chormädchens“; selbst dann, wenn dieses wie durch ein Wunder zur gefeierten Diva avanciert: Das „Phantom“ ist ein Mensch und kein Zauberer und „seine“ Christin braucht jugendliche Leichtigkeit und natürlichen Liebreiz. Nicht verwunderlich also, dass die gefeierte amerikanische Sopranistin, die seit geraumer Zeit ganz in der Nähe in Bensheim lebt, vor allem mit den klassischen Arien abräumen konnte – und das dann auch wirklich zu recht: Ihre volle Stimme, im Duett mit ihrem Exmann Peter Hofmann übrigens dreifach mit Platin ausgezeichnet, bringt viel Körper mit, eine exzellente Farbenfreude und eine angenehm zurückgenommene Höhe.

Das leider ließ sich zumindest an diesem Abend von ihrem männlichen Gegenstück, dem verliebten Grafen Raoul de Chagny, kaum behaupten: Jochen Sautter zeigte zwar viel Pathos, aber kaum ernstzunehmendes Gefühl, er fiel gesanglich deutlich ab, wenngleich er in der Mittellage eine durchaus angenehme Stimme mitbringt und musste letztlich den musikalischen Höhepunkt unter den Männern seinem Rivalen abtreten. Axel Olzinger nämlich gefiel als Phantom zumindest stimmlich sehr: Zwar ist er der charaktervollen, großen Rolle nicht ganz gewachsen, doch seine gut kultivierte Stimme, die tatsächlich etwas unheimliches atmete, setzte die schmeichlerischen, lockenden Parts ebenso um, wie den wütenden Imperativ, in den der Maskenträger immer wieder verfällt. Schade, dass er dabei ständig mit seinem Umhang herumfuchtelt, was bisweilen eher komisch, als bedrohlich wirkt. Gleiches gilt für einen Teil der Showeffekte auf der Bühne generell: Ein in einer verpixelten Einspielung abstürzender Kronleuchter ist eher etwas für den Kindergeburtstag.

Lichtblicke gab es in einigen Nebenrollen: Wenngleich er in seiner doch allzu dick aufgetragenen tuntigen Art bisweilen etwas über das Ziel hinausschoss, amüsierte Nils Schwarzenberg als Direktor Moncharmin erheblich. Christian Böhm konnte in seinem kleinen Duett „Zeig mir den Weg“ eine ungeahnte stimmliche Überzeugungskraft entfalten, die seinen Partner Sautter glatt an die Wand sang.


Was dem verständigen Besucher sofort auffiel: Natürlich gab es einen höflichen, wohlwollenden Applaus, den der Versuch einer Neuauflage alles in allem auch verdient hatte; aber bei keinem Ensemblemitglied brandete dieser auf, und richtige Begeisterung ereilte das Publikum zumindest hörbar auch erst, als Deborah Sasson sozusagen als unaufgeforderte Zugabe die – dann auch genau auf sie passende – Habanera Arie aus Bizets „Carmen“ gab.

Manchmal gibt es an etwas, das schon da ist, eben einfach nichts besser zu machen. Das muss man Lloyd-Webber in diesem Fall einfach zugestehen.