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Erschienen
Oropax macht alle „ein wenig Pinski“
02/2010
Es ist eine schöne, langgehegte Tradition, dass die beiden „doppelten Halbbrüder“ des Freiburger Chaos-Theaters „Oropax“ neue Programme im Hockenheimer „Pumpwerk“ testen – dem dort bekanntermaßen höchst bewanderten Publikum, das auch schon manchen Kummer gewöhnt ist, kann man auch einen Abend zumuten, der sich noch im Anfangsstadium befindet. Jedenfalls ist das, was beispielsweise aus der Vorpremiere von „Molkerei auf der Bounty“ gewachsen und gerade eben auf DVD erschienen ist, wie die Menschwerdung schlechthin. So wird es auch diesmal sein: Noch bis Mitte März experimentieren die Martins-Brüder an unerschrockenen und todesmutigen Zuschauern mit ihren genmanipulierten Kalauer, bevor am 12.03.2010 im Karlsruher „Tollhaus“ das neue Programm „Im Rahmen des Unmöglichen“ Premiere feiern wird.

Bei ihrem allerersten Testlauf am vergangenen Freitag Abend hat es die beiden ehemals schiffbrüchigen Weihnachtsfanatiker und ihr Publikum, das die Kapazitäten des „Pumpwerks“ fast zu sprengen drohte, auf eine Baustelle verschlagen, wo sie nach etwas skurril-sexualisierendem Schwarzlichttheater nichts anbrennen lassen und bereits zu Beginn des Abends die Hälfte der Requisite zerlegen. Dieser fatale Rausch des Absurden bricht sich dann weitere zwei Stunden unaufhörlich Bahn, bis der tobende Schlussapplaus ein Durcheinander irgendwo zwischen Trümmerhaufen und Messie-Paradies begleitet, in dem die beiden Freiburger Frohnaturen glücklich und einigermaßen zufrieden stehen. Volker – natürlich – etwas glücklicher, hat er doch mit Genie und unbarmherzigen Tricks geschafft, seinen ständig auf das zweite Treppchen verwiesenen Bruder Thomas auch beim Applausometer zu schlagen: „Wenn ich Dich nicht hätte, dann wär ich Einzelkind!“

Nicht nur der Zustimmungsmesser ist neu, auch die fast schmerzhaft um sich greifende Mönch-Abstinenz; gestoppte 55 Minuten mussten die Jünger warten, bis ein erstes „Hallo-hallo-hallo! Ich bin oin Mönch“ den Adventskranzträger endlich ankündigte. Dem Mann des kaum zu Glaubens waren dann auch nur drei Nummern beschert – einmal gar „total ausgefranselt“: „Das Bast mir gar nicht!“ Aber er hatte es eben diesmal eilig: Sein „Kreuzzug geht in fünf Minuten“.

Ebenfalls mit viel Ausbaupotential: Der Ekelfaktor. Üblicherweise wird von Ärzten und Psychiatern angeraten, Oropax-Vorstellungen nur nüchtern zu besuchen, um irgendwo zwischen Rollmops-Lake und Truthahn-Massaker Fassung und Mageninhalt zu bewahren. Diesmal ging die wunderbare Idee, eine Sprühsahnedose zur Explosion zu bringen, ebenso daneben, wie die Kaffee-mit-Milch-Aufschäum-Aktion am Wasser-Maxx: Das so sorgfältig in Abdeckplane eingepackte Publikum blieb – auch zur eigenen Enttäuschung – völlig unversehrt.

Ansonsten konnten Thomas und Volker Martins ihrer Phantasie beim Umbau von Handwerker-Maschinen freien Lauf lassen: Bohrmaschinen-Power traf auf Hulahup-Reifen, Flex-Getöse auf eine „unbefugte“ Kachel und ein Industrie-Nass-Sauger brachte dann doch noch dieses herrliche Kribbeln in der Magengrube, als diesmal Volker den Mix aus Fleischwurst, eingelegten Heringslappen und Weizenbier nach Absaugung auf Ex nahm. Und damit zumindest einer das nie vergisst, bekam Harry aus dem Publikum, der stets als Ankerpunkt für Fieses dienen musste, einen Briefbeschwerer Marke Eigenbau nach Hause – mit live eingegossenem Rollmops: „Zement ist der Grundstock für jede Betonung“.

„Ich glaub an Dich – wenn ich auch der einzige bin“ war die Parole des Abends, unter der zwei Bauarbeiter des Humors ganz schwere Geschütze auffuhren – in dieser Probephase sozusagen Gags aus dem Vorschlag-Hammer. Da sinnierte man über existentielle Fragen wie „Warum sagt niemand eine Stunde und zwanzig Minuten vor viertel nach eins statt fünf vor zwölf“. Man philosophierte zum Thema Streit, der sei „verheerend für Töchter – die können sich nicht versöhnen“. Und verfiel dann selbst in Zwist, weil man als Brüderpaar zwar immer alles geteilt habe, aber „Primzahlen kann man nicht teilen“.

Wer auf weltbewegende Erkenntnisse steht („Ein schwarzes Pferd, das tot ist, wird auf jeden Fall zum Schimmel“), gerne als „Immobilien-Hai in Shang-Makler“ arbeiten will (denn „China ist das Reich der Miete“) und gern mit der „Tali-Bahn nach Kuba“ fährt, der bekommt auch diesmal wieder alles geboten, was nur einer Leere zwischen zwei Ohren entspringen kann: Herrliche Blödeleien mit maximalem Unterhaltungs- und minimalem Bildungswert. Nur in diesem geistigen Ausnahmezustand, für den die Medizin immer noch keinen Fachausdruck gefunden hat, kann man „ins Licht schauen und kann hell sehen“. Unter dem Einfluss von Oropax wird der Mensch zum Philosophen der Geistlosigkeit und ist gleichzeitig unsagbar glücklich: „So wie Krates leb ich in der Tonne“.

„Es gibt doch genügend Völker“ – aber alle Welt wartet ungeduldig auf diesen einen mit dem anderen: „Du hast eine Ausstrahlung, ich bekomm sogar in Deinem Schatten Sonnenbrand“. Selbst wenn das Programm in seiner Rohfassung noch Längen und Pannen ohne Ende gemütliche Heimat gibt, hinterließ das Chaostheater doch wieder eine tobende Masse irgendwo zwischen Delirium und Hirntot.


Und wie immer fragte man sich: Wer ist hier Arzt, wer ist Patient, sitzen die Irren auf oder vor der Bühne, kennt der Wahnsinn irgendwelche Grenzen oder sprengt er einfach den Rahmen des Unmöglichen und konnte am Ende unter Johlen und Krakeelen doch nur eines feststellen: „Sind wir nicht alle ein bisschen Pinski?!“ – Njääääääaaaahhh!



Weitere Informationen im Internet unter http://www.oropax.de.

 

 

 
 

©:www.oropax.de