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Erschienen
Hagen Rether: Wir werden von Schildbürgern regiert
03/2010
Man stelle sich vor: In unseren schnelllebigen Tagen und in einem Business, das Glamour und Showeffekte bis zum Erbrechen produziert, hockt sich ein zwar gepflegter aber doch irgendwie unspektakulärer Mann mittleren Alters auf eine Bühne und macht drei geschlagene Stunden lang nichts, als einfach nur über die Welt nachzudenken und auszusprechen, was ihn da so einfällt. Selbst der Flügel neben ihm ist – bananenverziert – nicht viel mehr als ein meist stiller Begleiter mit einer „Ich könnte, wenn ich wollte – aber ich muss nicht“-Aussage. Gibt’s nicht?

Er macht sich wie ein Urgestein aus zwischen all den Mario-Barth-Kaspern und Atze-Schröder-Clowns: Intellekt trifft Mut und Klarheit. Eine Mischung, für die man sehr weit laufen muss, um sie noch einmal zu finden. Insofern konnte die Spannung kaum verwundern, mit der am vergangenen Donnerstag Abend hunderte Fans in der Hockenheimer Stadthalle fieberhaft auf die neuesten Einfälle Hagen Rethers warteten. Der spielt seit 2003 das Programm „Liebe“ – immer wieder angepasst an die neuesten Entwicklungen, weiterentwickelt und dadurch selbst für hartgesottene Fans immer wieder neu. Wenngleich er dabei das Thema über die bloße Tagesaktualität stellt: Da gönnt sich einer den Luxus, nachzudenken, statt draufloszuplappern – eine Wohltat in einem Umfeld, das reflexhaft Weisheiten daherseiert, sobald sich ein Mikrofon findet.

Intellektuell, mit einem schwarzen, bitterbösen oft höchst zynischen Humor und in einer geschliffenen, stets pointierten und stilsicheren Sprache arbeitete Rether sich diesmal an allem ab, was dem Glück der Menschen seiner Meinung nach im Weg steht: Religionen, Fanatismus, Intoleranz und FDP.

Seine thematische Bandbreite ist so umfassend, wie das Leben selbst. Er zaubert keine Patentrezepte hervor, Rether belässt es auch nicht beim bloßen Anprangern von Missständen, der Ausnahme-Kabarettist will sein Publikum selbst zum Nachdenken bewegen, animieren, zwingen manchmal. „Warum?“ ist eines der meistgehörten Worte in seinem Programm - und die Antwort überlässt er seinem Publikum, das auch tatsächlich mit zahllosen Zwischenrufen aus dem Kabarett-Abend eine Art Selbsthilfegruppe machte.

Hart geht Rether ins Gericht, in einer Ausdrucksoffenheit, die immer trifft, die aber trotz saftiger Titulierungen nie beleidigend wird. Da stellt er sich dem „verlogenen Pack“ der „Medienfuzzies“: „Wer Politikern Populismus vorwirft, der wirft dem Sportler vor, dass er schwitzt“. Die Kirchen mit ihrer „verlogenen“ Sexualmoral („Roman Polanski wurde durch die halbe Welt gejagt – wenn der Priester gewesen wäre, wär er in die Nachbargemeinde versetzt worden“) wird ebenso abgewatscht, wie alle anderen Religionen mit Fanatsimus-Tendenz inklusive Dalai Lama („der Peter Lustig für enttäuschte Christen“): „Glaube an sich ist toll, wenn die Religionen mit ihrem Zement nicht alles zubetonieren würden“. Und letztlich trifft Rether uns alle, denn auf den ersten Blick lapidar, auf den zweiten sehr berührend konstatiert der Offenleger, „uns ist das Mitgefühl abhanden gekommen“.

Im Zentrum seines Diskurses stand aber – natürlich – die Politik: Merkel, Koch, Westerwelle, Rüttgers, alle bekommen ihr Fett weg. Und auch der Wähler bleibt nicht verschont. Denn das tut Hagen Rether nie: Bloße Vorwürfe sind dem Geistesblitz fremd. Er will nicht anklagen, er will verändern. „Wir werden von Schildbürgern regiert“ darf nicht als bloßer Vorwurf, sondern muss als Aufforderung verstanden werden: Niemand kann was dagegen tun, nur jeder.

Deshalb lehnt der Vordenker auch ab, sich immer durch Witz zu befreien; „Lachen sie nicht so – das ist nicht lustig!“ Recht hat er, denn „das ist überhaupt das Unappetitliche an diesem Programm: Dass das alles wahr ist“.


Hagen Rether zelebrierte einen lange und viel umjubelten Abend des Aufstands gegen Denkverbote und Tabus, ein hochgeistiges Kamingespräch zur Lage der Welt. Hochkultiviert und wenn man darüber nachdenkt doch vor allem erschreckend: „Das ist nicht lustig, das ist tragisch, verdammt!“



Weitere Informationen im Internet unter http://www.hagen-rether.de.