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Erschienen
Philosophische Gedankensplitter zu Ehren der Sprache: Mannheimer KultUrknall
03/2010
Der Name nimmt den wohl markantesten Teil des Programms, des gesamten Schaffens dieser drei Künstler bereits vorweg: Der „Mannheimer KultUrknall“, Trioname Madeleine Sauveurs, Volker Heymanns und Clemens Maria Kitschens, ist selbst schon Wortspiel von höchster Brillanz. Ebenso gestalteten die drei bemerkenswerten Künstler ihren Abend Ende Februar im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“; in einer atemberaubenden Geschwindigkeit jonglierten sie mit Worten, zelebrierten genüsslich den Klang und den Rhythmus der Sprache und ergossen sich förmlich in philologischen Exzessen – das Gesprochene als solches ist das Vehikel, mit dem die Drei unterwegs sind.

Seit seiner Gründung 2005 konnte das Ensemble sich durchaus einen Namen machen und auch schon einige Erfolge und Auszeichnungen einstreichen. In Hockenheim waren die „Knaller“ 2008 mit ihrem ersten Programm „Herz sticht“. Der zweite gemeinsame Abendfüller, „Befriedigung mangelhaft“, baut konsequent darauf auf. Nun kümmert man sich in gleicher Manier nicht mehr nur um die allgegenwärtige Unbill im Zwischenmenschlichen, diesmal wird man noch reflexiver: Die eigenen Träume werden in einer Collage aus Zeitsprüngen, dem harten Aufprall des Gegenwärtigen frontal in die Erinnerungen und vor allem durch die blanke Realität entlarvt, bisweilen in ihrer ganzen Lächerlichkeit bloßgestellt. Manchmal aber funktioniert das Ganze auch gerade umgekehrt: Wenn sich der einstige Traum als die eigentlich richtigere Variante einer Realität enthüllt, die niemals Wirklichkeit wurde.

Die teilweise höchst philosophisch motivierten Gedankensplitter ließ der „Mannheimer KultUrknall“ wie glitzernden Flitter über sein – bedauerlicherweise handverlesenes – Publikum regnen: Mal in dadaistisch geprägten Wortsalven, dann in einem etwas bemüht wirkenden Rap. Stets ist das Wortspiel Magnet, Motor und wohl auch die eigentliche Motivation der Künstler - Madeleine Sauveur, die seit dem vergangenen Jahr mit dem Programm „Ich höre was, was du nicht sagst!“ unterwegs ist, ihr Vertoner und ständiger Begleiter am Klavier, Clemens Maria Kitschen, und der selbst bereits mit dem Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Autor, Regisseur und Schauspieler Volker Heymann hatten auch diesmal einfach zu viel offenkundigen Spaß an den Wortakrobatiken, als dass man hier auf etwas anderes kommen könnte.

Eben ist es Wolles (Heymann) Ansprache bei der Vorzimmerdame einer Plattenfirma, die schnell in eine Art tochsche „Fuge aus der Biografie“ explodiert, dann die Erinnerung an das turtelnde Kinderliebespaar aus Zeiten, in denen noch gar nichts klar war: „Mein Bruder sagt, Deine Mutter ist ein scharfes Gerät! Ein Küchengerät. Eine flotte Lotte“. Und schließlich garnieren sie diesen an höchster Sprachbrillanz reichen Abend mit einer ganzen Reihe höchst unterhaltender, vor allem aber tief bewegender Lieder, um ihn auch damit zu beenden; mit einem berührenden Chanson von Opas Leitspruch „die Zukunft liegt im Straßenbau“ und seinen Folgen entledigte sich das Trio all der Fesseln aus verpassten Chancen, ausgeträumten Utopien und fehlgeschlagenen Träumen: „Jetzt fühl ich mich endlich frei“ stand wie ein kathartischer Schlusspunkt unter diesem Abend, der irgendwo zwischen Seelenstrip, Selbsthilfegruppe und sprachlichem Kunstwerk pendelte.


Anstrengend und in seiner fast ausschließlichen Konzentration auf die Sprache fast inhaltsleer, dennoch von einer begeisternden Frische und eine geniale Liebeserklärung an unsere Ausdruckskraft. Ganz nach Heidegger: „Die Sprache ist das Haus des Seins.“



Weitere Informationen im Internet unter http://www.mannheimer-kulturknall.de.