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Erschienen
Borlinghaus entdeckt das Sehenswerte hinter dem Profanen
05/2010
„Stilleben und Mehr“ war die jüngste Kunstausstellung im Nuelußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ überschrieben, die am vergangenen Wochenende der „Breitbandkünstlerin“ Luitgard Borlinghaus gewidmet war: „Die vielseitig begabte Künstlerin hat sich im Laufe ihres Lebens mit Malerei, Grafik und Skulpturen intensiv auseinandergesetzt“, so Brigitte Kanz, die kurz in die ausgestellten Werke und ins Leben der Künstlerin einführte.

Das war umso wichtiger, als mit den Bildern, die im Bahnhof Platz fanden, nur ein ganz schmaler Ausschnitt aus dem Schaffen der rastlosen Borlinghaus präsentiert werden konnte; eben Stilleben aus den Jahren von 1960 bis in die Gegenwart.

Es liegt auf der Hand, dass ein Künstler, der sich in 50 Jahren weiterentwickelt, unterschiedliche Stile und Techniken einfließen lässt; dennoch wohnt den Bildern ein verbindendes Element inne, ein „roter Faden“ an dem entlang sich Borlinghaus, die zu den Gründungsmitgliedern der „Heidelberger Künstlergruppe 79“ zählt und bis heute im vielbeachteten „Heidelberger Forum für Kunst“ aktiv ist, zumindest was ihre Malerei angeht, leiten lässt. Sie wagt den Blick auf das scheinbar Banale, auf das vermeintlich Unspektakuläre, auf das „ganz Normale“ könnte man sagen: Die ausgestellten Bildern rückten Gemüsesorten, ein Kind mit Bär, einen Blumenstrauß, eine Dessertszene mit Erdbeeren in den Focus – und entdecken dabei hinter dem Profanen manch Sehenswertes.

Von dieser schon sehr früh entwickelten Gabe des sehenden Malens zeugt „Stilleben mit totem Vogel“, ein Werk noch aus der Studienzeit an den Akademien der Bildenden Künste in Stuttgart und München, dem eine hochsymbolische Verquickung von Hinwendung zur Seele mit einem nur diffusen Hauch von Vanitas gelingt, die berührt und verunsichert. Eingeschmutzte, abgetönte Farben erzeugen eine düstere Atmosphäre, die Gegenstände sind bereits stark auf das symbolhafte reduziert.

Üblicherweise sind Luitgard Borlinghaus, die dreißig Jahre als Kunsterzieherin am Gymnasium gearbeitet hat, allerdings kräftige, meist eine optimistische Grundhaltung atmende Farben eher eigen. Eine ganze „Gemüseecke“ zeugte in der Ausstellung von der hohen energetischen Wirkung dieser satten Töne, deren visuelle Anziehungskraft den unzähligen Schattierungen entspringt, in denen Borlinghaus die Farben bricht.

In einer meist deutlich vom Expressionismus geprägten Malweise ausgeführte Bilder zeigten die Bandbreite von recht realistischen Szenen bis hin zu in völliger Abstraktion aufgelösten Inhalten wie dem „Großen Gelb“, in dem sich die ganze Kraft der Farbe Bahn bricht – ein Widerschein von Energie auf Leinwand.

Es ist überhaupt dies, was diese breit aufgestellte Werkschau zeigen kann: Borlinghaus vermittelt mit ihren Bildern Gefühle, die nicht den meist eher profanen Motiven entspringen können, sondern Ausdruck der speziellen Sichtweise, die auf Leinwand gebannt ist, sind; auf das sinnlich Erfahrbare reduziert, andererseits die visuelle Wahrnehmung um andere Aspekte des Genusses erweitert.


Was man sich wünschen würde, wäre eine Querschnittsschau durch die verschiedenen Ausdrucksmittel der vielseitigen Borlinghaus – vielleicht könnte man schon im kommenden Jahr einmal Grafiken, Gemälde und Skulpturen nebeneinander sehen.