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Erschienen
Gipfeltreffen Busse-Venske: Der Denker und der Polter-Geist
05/2010
Zwei Urgesteine des deutschen Kabarett trafen am vergangenen Mittwoch in der Hockenheimer Stadthalle aufeinander: Jochen Busse und Henning Venske veranstalteten zusammen mit Frank Grischek am Akkordeon ein satirisch-musikalisches Gipfeltreffen.

Jahrelang haben Busse und Venske gemeinsam in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ gewirkt, der aus dem westfälischen stammende Busse hat allerdings eine weitaus größere Popularität durch zahllose Fernseh-Projekte errungen: Er gab den Moderator bei „7 Tage 7 Köpfe“ und als seine erfolgreichste TV-Rolle den spröden Bürokraten in der Serie „Das Amt“, die 70 Folgen lang lief. Venske dagegen bietet das lebendigere Aktionsspektrum: Autor, Regisseur, Schauspieler – jeweils auf sehr breiter Basis. Mit Liselotte Pulver moderierte er dereinst die legendäre erste Staffel der „Sesamstraße“, er verantwortete das Satiremagazin „Pardon“ und schrieb zusammen mit anderen Kabarett-Größen die Übersetzungen für die niederländische Rockgruppe „Bots“.

Seit Ende vergangenen Jahres sind die beiden Granden wieder gemeinsam unterwegs: „Inventur“ ist ihr humoristischer Rundumschlag in feinster Manier des kultivierten politischen Kabarett.

Es ist schon richtig, die in der Szenerie eines Wartezimmers entfesselte Art, die Welt zu ordnen, ist kaum zeitgeistlich: Da der mondän vor sich hinphilosophierende Venske, die Hand in der Tasche und anarchische Sprüche auf den Lippen, dort Busse in der Rolle des piefigen, gerne lauten und poltrigen Kleinbürgers, der die Vorlagen des gegenübergestellten Denkers als eine Art blitzgescheiter Polter-Geist verwandelt. Die im Plauderton und allenfalls in kleinen angedeuteten Szenen auf Gesprächsniveau ablaufende zweistündige Debatte zur Lage der Nation und ihres Inventars verzichtet auf jede Show und wird nur ab und an von Grischke, dem akkordeonspielenden Prügelknaben der beiden Protagonisten, portioniert. Busse und Venske setzen sich damit so unverfroren ab vom gegenwärtigen Comedy-Wahn, dass man ihnen schon allein dafür dankbar sein muss – für ihr kabarettistisches Gesamtwerk wurden die beiden in diesem Frühjahr mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet. Wenn die „Gentleman-Kabarettisten“ – der eine kurz vor, der andere kurz nach seinem 70. Geburtstag - auch nicht mehr den gleichen Elan zeigen, wie in ihren ganz großen Tagen, so haben sie ihren Biss keineswegs verloren.

Deshalb fällt die „Inventur“ vor allem gnadenlos aus: Die Regierung wird nicht einfach als „überflüssigste Bevölkerungsgruppe“ beschimpft, sondern in einem logischen Diskurs unausweichlich als solche entlarvt - „am Stammtisch sitzt das beste Personal, das dieses Land aufzubieten hat“. Eine „ergebnisorientierte Bezahlung der Mandatsträger“ wird gefordert und sofort wieder verworfen: „Ich befürchte, die Herrschaften verhungern auf diese Weise“. Der „Rent a Ministerpräsident“-Affäre begegnen die beiden zotig: „Für 25 Euro Sex mit Tillich – ist nicht super, aber billig“; der Terror-Angst dagegen schelmisch, in einer persiflierten Live-Schalte zum Al-Quaida-Experten nach Cloppenburg: „Bin Laden versteckt sich immer da, wo man ihn nicht vermutet“. Und Guido Westerwelle vernichten sie mit entwaffnender Ehrlichkeit in ihrem Running-Gag „Der ist unerheblich“. Um schließlich zum Fazit ihrer Bestandsaufnahme zu kommen: „Man sollte die gesamte Menschheit auf Werkseinstellung zurücksetzen“.


Bitterböse und in wohltuender Verlässlichkeit demaskierten Venske und Busse den gesamtgesellschaftlichen Wahnsinn – es war nicht immer zum Lachen, was die beiden Herren da ent-deckten. Das hat vorangebracht und an gute Traditionen angeknüpft: „Warum können wir beiden eigentlich nie einer Meinung sein?“ – „Es bringt uns nicht weiter, wenn wir beide Unrecht haben.“