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Erschienen
Jochen Pöhlert gibt alles vom Sandmännchen bis zu Led Zeppelin
07/2010
Zwei Konzerte – zwei Highlights. Nach dieser einfachen Formel berechnete sich auch Ende Juni wieder die Erfolgsaussicht für das zweite „Marktkonzert“ in der Evangelischen Kirche. Um die sorgsam eingerichtete Entsprechung weiterhin zu schützen, bot Bezirkskantor Christian H. Bühler nach dem „Ersten Badischen Alphorntrio“, das vor vier Wochen den Auftakt zu den diesjährigen Konzert-Miniaturen gab, diesmal mit dem Gitarristen Jochen Pöhlert ein weiteres so großes musikalisches Schwergewicht auf, dass mal wieder gewisse Zweifel darüber aufkommen musste, ob bei so viel Klasse ein freier Eintritt überhaupt noch zu rechtfertigen oder als Einstieg in die Inflation der Kunst abzulehnen ist.

Seis drum, die Besucher dieses kleinen Konzertchens – nach einer halben bis dreiviertel Stunde ist der Genuss üblicherweise vorbei – dankten es zunächst mit einer bemerkenswert gespannten Aufmerksamkeit und immer wieder und vor allem zum Schluss mit stürmischem Applaus.

Jochen Pöhlert, der sich bereits seit weit über vierzig Jahren mit der Gitarre beschäftigt, gelang trotz der bisweilen etwas zur Strenge neigenden Aura des Sakralbaus ein charmanter Mix aus uneingeschränkt hochklassiger, genial interpretierter und mit einer brillanten Technik umgesetzter Musik und einem lockeren Plauderton, der manche witzige Begebenheit aus dem Musikerleben seit Ende der 1960er-Jahre in einen Zusammenhang zu den einzelnen Werken brachte und so lebendig, erfrischend wirklichkeitsnah und unpathetisch blieb.

Pöhlert, der wie sein Vater Werner zu den begnadeten Gitarristen zählt, brachte in diesem Konzert nämlich Wegsteine aus seinem Gitarristenleben in eine chronologische Ordnung, spannte den Bogen weit vom ersten Stück, das er aufbekam (ein Andantino Andreo Carcassis) über Bachs „Gavotte“, mit der er daran dachte, wie er als 15-Jähriger den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ gewann – trotz einer zeitgleichen Vier in Musik -, bis hin zu einer sehr charaktervollen, ganz eigenständigen Transkription des Morricone-Klassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Emotional und künstlerisch verwachsen schien er mit einer Galliard des elisabethanischen Komponisten John Dowland. Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ markierte den Schwenk von der Klassik zum Blues, den er nach künstlerischer Krise und Identitätsfindung entdeckte. Einen biografisch-künstlerischen Spot gab er mit einer „Fleetwood Mac“-Interpretation für Gitarre und Bierflasche, die ihn 1977 aus dem Bau beim Bund raushaute. Ganz gegenwärtig seine kleinen Geschenke an die anwesenden Nachwuchs-Künstler, die dem Meister an den Saiten ebenso gespannt lauschten, wie Hockenheims „Acoustic Adventures“-Matador Hugo Fuchs, der den Kontakt zu seinem Gitarrenlehrer Pöhlert vermittelt hatte; eine Sechs-Saiten-Variante von „Pippi Langstrumpf“ gabs da ebenso, wie einen kleinen Ausflug zum „Sandmännchen“: „Mittlerweise ist mir nichts mehr heilig – inzwischen spiel ich alles auf der Gitarre“, flachste der großgewachsene Mittfünfziger grinsend.


Natürlich war ein „Marktkonzert“ für einen Klassemann wie Jochen Pöhlert eigentlich ein zu kleines Format. Aber er war eine echte Bereicherung – und gab gewisse Hoffnungen, dass er bald wieder kommen will. Zum Musizieren und um die Kirche neu zu streichen.



Bis dahin kann man den Weinheimer Künstler an jedem Montag zwischen 21 und 22 Uhr im „Montmartre“ am Weinheimer Marktplatz erleben.