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Erschienen
"Beuys in Bildern"
04/98
Josef Beuys – wie wohl kein anderer Künstler unseres Jahrhunderts vor ihm und wie keiner nach seinem Tod vor 12 Jahren hat der Plastiker, Zeichner und Aktionskünstler die Meinungen gespalten. Und tut das immer noch: Wa Umso bemerkenswerter, daß es heute nicht nur der Oberbürgermeister Schwetzingens und Landtagsabgeordnete Gerhard Stratthaus, sondern der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, Klaus von Trotha höchstpersönlich war, der zur Eröffnung der Ausstellung "Beuys in Bildern" im Südlichen Zirkel des Schwetzinger Schlosses gekommen war, um "eine Verbeugung vor Beuys" zu machen.

Ein Umstand, auf den bereits der Leitende Baudirektor Siegfried Kendel vom Staatlichen Vermögens- und Hochbauamt Mannheim, in dessen Obhut sich das Schwetzinger Schloß befindet, in seinen kurzen Eingangsworten, mit der er die rund 120 "Kunstkenner und Beuysfreunde oder –verehrer" begrüßte, hinwies.

Von Trotha selbst nannte in seiner Einführung zum Meister (wir berichten) Termine wie diesen "die Kür" neben der Pflicht, die er sonst in Stuttgart zu erfüllen habe.

Nun dreht sich die Ausstellung aber nicht um Beuys Werke, sondern um die Person des Künstlers selbst. Und sie dreht sich weniger um die Person als Künstler, sondern um die Person, die hinter dem Künstler steht – wenngleich das bei einem Medien-Artisten, wie Beuys einer war, kaum zu trennen ist.

"Die Fotografie hält die Zeit in ihrem Fluß auf", so die Darstellung von Franz Joseph van der Grinten, der nicht nur ein enger Freund des Künstlers war, sondern der es bis heute geblieben ist: Er ist in seinem Museum Schloß Moyland im Besitz der größten Fotosammlung von Beuys überhaupt. Aus seiner weit über tausend Fotografien zählenden Sammlung hat er 400 auf die Reise geschickt, um sie in Schwetzingen und danach in Stuttgart und Wien zu präsentieren.

Bei den gezeigten Aufnahmen gehe es darum, die "intensive Ausstrahlung von Beuys in der Szene und Situation" festzuhalten, um in "vielen angehaltenen Augenblicken so viel wie möglich von der Intensität des Lebens, die sie beweisen" zu konservieren und immer neu erfahrbar zu machen. In den Exponaten sei auf Fotopapier festgehalten worden, daß beim großen Meister die "innere weite als eine Konzentration der äußeren" nachzufühlen sei: Manifestation eines "Menschen der Tiefebene", wie van der Grinten seine Verehrung für den Künstler und Menschen Beuys zum Ausdruck brachte.

Tatsächlich darf die Unterüberschrift "Fotografische Lebensstationen", die van der Grinten und sein Partner Robert Amos der Ausstellung verliehen haben, durchaus wörtlich verstanden werden: Zwischen eigens aufgebauten Wänden aus Ytong, die im Kontrast zum Stuck der ehemaligen Sommerresidenz des Kurfürsten stehen, zeigen sich "Lebensstationen", Lebenssituationen. Die zur Vernissage noch fehlenden Bilderläuterungen sollen, so versicherte man, nachgereicht werden und dennoch – wer mag die Situationen, wer die Stationen erfassen, wenn ihm der nötige Hintergrund fehlt. und dieser Hintergrund darf sich nicht in einem gehobenen Kunstverständnis und dem Wissen um die Zeit und Lebensumstände Beuys erschöpfen. Da findet man bemerkenswerte Fotografien vom "Kojoten-Projekt"; der Künstler (übrigens im Hinblick auf die amerikanischen Ureinwohner) will beweisen, daß man sich mit der Zeit kennenlernen und dann friedlich zusammenleben kann und läßt sich zu diesem Zwecke drei Tage mit einem Kojoten in sein Atelier sperren.

Doch wer kann die großartigen Aktionen wie die "Fußwaschung" oder die Provokation gegen DuChamp richtig einordnen, wer die Dimensionen, die der Prozeß um seine Professur hatte abschätzen, wenn ihm außer Zeit und Fotograf die entsprechenden Zusammenhänge vorenthalten werden.

Die Portraits des Meisters verdeutlichen den Filtereffekt, den die Kamera erzeugt: Beuys mal ganz zerbrechlich, dann wieder in der großen, allbekannten Pose des Künstlergigantomanen – der Fotograf nimmt den Blick des Betrachters voraus.

Nun, über eines braucht man sich zumindest keine Sorgen machen: Ganz unfreiwillig haben die Ausstellungsmacher mit einer ganzen Wand voll von Briefen, die von Persönlichkeiten aus Kultur und Politik zur Person und dem Phänomen Beuys gesammelt wurden, selbst darauf hingewiesen – es geht heute und für den Betrachter nicht mehr darum, zu verstehen, was er sieht, die Szenen einzuordnen, sie zu interpretieren und zu hinterfragen. Beuys ist kein Künstler mehr, er ist ein "Phänomen", ein Objekt des Kultus und des Weltwissens. Und diese Kultfigur wird mit "Beuys in Bildern" ausgiebig zelebriert.

 

"Der Innbegriff der modernen Kunst"

Zur Ausstellungseröffnung "Beuys in Bildern" befleißigte sich kein geringerer als der baden-württembergische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Klaus von Trotha, die Laudatio auf den Künstler zu halten.

Er stellte damit einen Künstler vor, der, als er 1961 zum Professor für Steinbildhauerei an die Kunstakademie nach Düsseldorf berufen wurde, keinem seiner Kollegen bekannt gewesen sei, der aber bereits sieben Jahre später zum zweifellos wichtigsten Künstler der Dokumenta in Kassel avancierte.

Selbst heute, mehr als 10 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1986, sei Beuys, die ungewöhnliche Figur in Filzhut und Anglerweste noch immer gegenwärtig.

Als Marcel DuChamp meinte, er selbst wolle zur Kunst schweigen, weil bereits alles gemacht und alles erreicht sei, reagierte Beuys mit einer revolutionären Erweiterung des Kunstbegriffs: Er will die kreative Entwicklung jedes einzelnen Menschen, begreift Kunst als Therapie – auch der Gesellschaft.

Dadurch sei Beuys der Innbegriff der modernen Kunst überhaupt geworden – "aber auch das, was der Normalbürger verrückt findet", so von Trotha.

Eben dieses Schwanken zwischen Verehrung und Verachtung fördere, daß sich der Aktionskünstler, Maler, Zeichner und Bildhauer nicht in irgendeine künstlerische Schublade klassifizieren lasse: "Er will den Betrachter provozieren – anregen – zum denken animieren", so der Minister.

Diese intensive Auseinandersetzung mit dem Künstler lohne auch heute noch und wenn man dies – wie es bei "Beuys in bildern" geschehen soll – anhand von"dokumenten der Zeit- und Kunstgeschichte" täte, dann würden sich Einblicke eröffnen, die "hilfreich sind, wenn man seine Kunst verstehen will".

 

Nebenbei bemerkt

Beuys ist ein großer Künstler. Große Künstler haben große Freiheiten. Leute, die Ausstellungen über große Künstler machen, haben mindestens eben so große Freiheiten.

Was sich wie ein einfacher Dreisatz anhören mag, ist mathematisch unlösbar, weil mindestens ein schwerer Fehler darin enthalten ist.

Ganz ähnlich muß dem kulturbeflissene Vernissagebesucher bei "Beuys in Bildern" die Einladung aufgefallen sein.

Man mag noch darüber hinwegsehen, daß dem "Innbegriff der modernen Kunst" mit billigstem Papier und einem nur flüchtig layouteten Äußeren gehuldigt wird. Was aber aussieht, als sei es eine seinerzeitige Posse von Kurfürst Carl Theodor gegen Herzog Karl Eugen darf in unseren modernen Zeiten politischer correctness nicht durchgehen: Hatte man sich zu Zeiten von "’s Fürschte" noch über ein neckisches, weil falsches "würtenberg" gefreut, halten wir es – in einem in den vergangenen 45 Jahren gewachsenen gewissen "Nationalstolz" – heute doch lieber mit der richtigen Orthographie. Zumal wenn der Herr Minister kommt. Dann heißt das immer noch "Baden-Württemberg"! Soviel Zeit muß sein!

(mhw)


Zur emotionaleren
Auseinandersetzung mit Ausstellungen
und zugehörigen Canapés.




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