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Erschienen
Justus Frantz bringt mit der Philharmonie der Nationen: Kunst

01/2011
Es ist fast auf den Tag ein Jahr her, dass sie zuletzt Station in der Rennstadt machten, um einen Abend in eine „Heilige Nacht“ zu verwandeln, wie unser Magazin damals schrieb. Trotz der großen Namen und der grandiosen Vorstellung damals offenbar zu wenig Zeit für eine Wiederkehr; jedenfalls waren Justus Frantz und seine „Philharmonie der Nationen“ Mitte Dezember bei ihrem jüngsten Auftritt in der Hockenheimer Stadthalle gezwungen, vor halbleerem Haus zu spielen. Dem Konzert selbst tats keinen Abbruch: Der Majestro ließ sich weder irritieren noch lumpen und gab das volle Programm inklusive aller Wiederholungen in voller Länge – zweieinhalb Stunden purer Musikgenuss.

Wobei dieser für einige Besucher insofern ein wenig auf der Strecke blieb, als durch die Ankündigung „Weihnachtskonzert“ bei diesen insbesondere bezüglich der Literatur Erwartungen geweckt und dann nicht erfüllt wurden.

Denn im Gegensatz zum vergangenen Jahr war das Programm diesmal nur halb barock und allenfalls in Ansätzen ein Tribut an die besondere Besinnlichkeit, die von vielen an Weihnachten erwartet wird.

Dafür war es frisch, aufgeweckt und ausgesprochen spannend.

Zum Opener wählte man die Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur, mit der sich das Orchester - zusammengesetzt aus 25 Instrumentalisten aus zig Nationen, von denen zahllose in den vergangenen 15 Jahren seines Bestehens bereits in Spitzenorchester und –Ensembles aufgestiegen sind – von Anfang an als ein wunderbarer Klangkörper präsentierte, der es aufs Trefflichste versteht, der geradlinigen Präzision im Werk zu begegnen und der spannungsgeladen und in weit gefassten dynamischen Spannungsbögen interpretiert, die unterbrochen sind von den prominenten Unterstreichungen der Bläser. Dabei ist die unglaubliche Energie, die Frantz als Dirigent ausstrahlt – ein wenig exzentrisch aber immer aufs Optimum ausgerichtet und selbst im Pianissimo noch voll Energie führt der inzwischen 66-jährige Ausnahmekünstler seinen Stab – ungebremst auf seine jungen Musiker – wie gehabt vorrangig Männer – übergegangen: Schwelgend und bisweilen höchst explosiv kosteten die jeden Ton einzeln aus, luden jeden von ihnen auf zu einem Geschenk aus Wohlklang und Eingebung – selten hört man das „Air“ des zweiten Satzes in so ästhetischer, filigraner, fast ätherischer Zerbrechlichkeit und Tiefe.

Passgenau angeschlossen zunächst Albinonis Trompetenkonzert in d-Moll, bei dem wie vor einem Jahr der Weißrusse Trompeter Andriy Ilkiv brillierte, dann das 3. Brandenburgische Konzert in G-Dur bildete einen harmonischen, perfekten ersten Programmblock.

Was dem auf „Weihnachten“ programmierten Besucherteil Missstimmung verursachte, begeisterte im zweiten Teil den Rest des Auditoriums umso mehr: Tschaikowskys „Souvenir de Florence“ op. 70, ein selten gegebenes Sextett, das in seiner Anlage, in seiner hohe Ausdrucksintensität, der eingängige Melodik und der hochdramatischen thematischen Grundstruktur Begeisterung geradezu provoziert- zumindest, wenn es in einer derart perfekten, emotionalen, mitreißenden Genialität dargeboten wird, wie das hier zu hören war.


Diesem Orchester und seinem Dirigenten ist es einmal mehr gelungen, über seinen Zuhörern etwas überreich auszugießen, was in der Unterhaltungsbranche unserer Tage selten geworden ist: Kunst.