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Erschienen
"Ich bin die Hölle geworden, die Welt gehört mir" - Schüler geben den "Besuch der alten Dame"
07/2010
„Geld regiert die Welt“ – die unheilvolle Wahrheit, die sich wie ein roter Faden durch die Jahrtausende menschlicher Entwicklung zieht, ist Hauptgegenstand der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Tragikkomödie des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Friedrich Dürrenmatt.



Zum Stoff: Der Besuch der alten Dame

In seiner 1956 im Züricher Schauspielhaus uraufgeführten tragischen Komödie „Der Besuch der alten Dame“ erzielte Friedrich Dürrenmatt einen ersten weltweiten Erfolg und das Stück zählt bis in unsere Tage zu seinen meistgegebenen Werken.

Die Milliardärin Claire Zachanassian wird in Güllen als Wohltäterin erwartet, um die heruntergekommene Stadt, in der sie ihre Kindheit verbrachte, zu sanieren. Tatsächlich bietet die reiche, aber durch mehrere Unfälle prothetisch entmenschlichte „alte Dame“ ihrer Heimatstadt eine Milliarde - doch statt aus Menschenliebe nur zur Befriedigung ihrer Rachegelüste: „Ich kaufe mir Gerechtigkeit“. Konkret sollen die Güllener den Kaufmann Alfred Ill töten, der Claire in seiner Jugend schwängerte und sich seiner Verantwortung dann durch bestochene Zeugen im Vaterschaftsprozess entzog („Du hast Dein Leben gewählt und mich in meines gezwungen“). Der erste Protest, mit dem die Einwohner dieses unmoralische Angebot ablehnen –„lieber bleiben wir arm, denn blutbefleckt“ -, wird bald ad absurdum geführt, als die Güllener sich neu einkleiden, teure Waren „auf Pump“ kaufen und Ill so klar machen, dass sie letztlich trotz anderslautender Worte mit dem Geldsegen rechnen: „Die Stadt macht Schulden. Damit steigt der Wohlstand - und die Notwendigkeit, mich zu töten“. Nach und nach tragen alle Einwohner gelbe Schuhe als Symbol für die Untreue und Illoyalität, „die Glocke des Verrats läutet in Güllen“. Ill stellt sich, getrieben durch Angst, seiner Schuld und ist schließlich bereit, sich dem Urteil des Volkes zu beugen, das absehbar seinen Tod herbeiführen wird. Die einst so schäbige Stadt ist renoviert und sauber, die Menschen sind charakterlich heruntergekommen. Nachdem das Volk mit seinen „Idealen blutigen Ernst“ gemacht hat, nimmt Claire, die nah an die mythologische Rache-Gestalt der Medea gerückt wird, die Ermordung des Kaufmanns glücklos und unerschüttert zur Kenntnis und lässt ihn in einem bereits zu Beginn mitgebrachten Sarg in ein längst für ihn errichtetes Mausoleum bringen, um ihre einzig wahre Liebe für immer bei sich zu haben.

„Der Besuch der alten Dame“ ist ein klassisches Beispiel für die von Dürrenmatt entworfene Theaterkonzeption der tragischen Komödie und weist zahlreiche Parallelen zur griechischen Tragödie mit ihren Themen Gericht, Schuld, Sühne, Rache und Opfer auf. Gleichzeitig ist der Themenstrang der käuflichen Stadt eine lächerliche Groteske. Der schuldige und letztlich vernichtete Held erweist sich als einzige ernstzunehmende moralische Instanz des Gemeinwesens. Claires Rache konzentriert sich auf Ill, sie vollzieht sich aber an der ganzen Stadt, die in ihrer Anfälligkeit für Versuchungen ermuntert wird, auf paradoxe und vernichtende Weise Unrecht durch Unrecht auszumerzen.

Das Theaterstück wurde mehrfach verfilmt und bot die Vorlage für zahlreiche Fortentwicklungen und Abwandlungen.

Ab dem kommenden Schuljahr ist „Der Besuch der alten Dame“ in Baden-Württemberg Abitur-Sternchen-Thema.

Friedrich Dürrenmatt lebte von 1921 bis 1990 in der Schweiz und war der Ansicht, dass unserer heillosen Welt nur mit den Mitteln der Komödie beizukommen sei. Seine Bühnenwerke sind entsprechend voll schockierender Einfälle und zynischem Humor.



Schüler der Theater-AG brillieren mit reizvoller Offenheit

Den in seiner Eindringlichkeit hochbrisanten Stoff (eigener Text) brachte ein 24-köpfiges Ensemble der Theater-AG des Hockenheimer Carl-Friedrich-Gauß-GymnasiumsMitte Juliin drei ausverkauften Aufführungen vor insgesamt rund 600 Zuschauern auf die improvisierte Bühne des Bildungstempels. Dabei näherte man sich dem Stoff in einer reizvollen Offenheit und mit teils genialen künstlerischen Kunstgriffen, die der Hockenheimer Inszenierung durchaus wegweisende Alleinstellungsmerkmale aufbrannten.

Grandios dabei vor allem die Idee, die Hauptrolle der Claire Zachanassian in einer Art darstellerischer Charakterstudie in drei Personen aufzuspalten: Die weiß gekleidete, sentimental-zarte, fast ätherisch Fühlende, brillant besetzt und dargestellt von der zierlichen, dem Rollenspektrum entsprechend kleinen Verena Bierbaum („Erzähl mir, wie ich war, als ich 17 war“), die schwarz gewandete Denkerin, die in ihrem unbarmherzigen, unbeeinflussbaren Rationalismus den größten Anteil Claires inne hat (herrlich distanziert und kalt gegeben von Sarah Kesselring: „Ich will die Vergangenheit ändern, indem ich Dich vernichte“) und die im roten, aufreizenden Kostüm daherkommende laszive Lust, deren abschätzige Rache und unverblümtes Spiel mit den Mitmenschen Ricarda Brück in Szene setzte. Den Dreiklang, die Art unheiligen Dreieinigkeit umwaberte das Grauen, das Unheil, das Unmenschliche fühlbar, fast körperlich wahrnehmbar: „Ich bin die Hölle geworden, die Welt gehört mir!“

Überhaupt lebte die gesamte Umsetzung von einem glücklichen Moment, den man in der Schultheater-Szene nur selten erleben darf: Ausnahmslos alle Schauspieler auf der Bühne gaben ihre Rollen in einer unglaublich authentischen, höchst charaktervollen und professionellen Fertigkeit und Festigkeit. Es war eine wundervolle Bereicherung, die 14- bis 19-jährigen Schüler – ein Teil davon, darunter die Hauptrollen, absolvierte vor kurzem „nebenbei“ das Abitur – spielen zu sehen; Ort und Zeit verschwanden durch die unfassbare Bühnenpräsenz der jungen Mimen, Hockenheims kleine Bühne wurde zu Güllen und jeder Zuschauer zu einem der Bürger.

Ebenso brillant wie die drei Claires gab Jan Stecker den Alfred Ill. Die Zerrissenheit, die Nervosität, die Todesangst, die Resignation, die Einsicht, die Selbstopferung schließlich – ein weit gefächerter emotionaler Bogen, den darzustellen höchste Empathie und eine in diesem Alter wirklich nicht selbstverständliche Hingabe erfordert. Stecker fesselte, entsetzte, beeindruckte – ein seltenes Talent. Grandios die Szene, als er – auf der Flucht – am Bahnhof in der Angst vor den ihn „verabschiedenden“ Mitbürgern sich selbst am Abreisen hindert und im dritten Akt, nachdem er „durch die Hölle gegangen“ war, der Stadt ihr Schicksal vorhersagt: „Für mich ist es die Gerechtigkeit, was es für Euch ist, weiß ich nicht. Gott gebe, dass Ihr vor Eurem Urteil besteht“.

Sebastian Hornung in der Rolle des Bürgermeisters verkörperte das anfällige Staatswesen in der „Stadt mit humanistischer Tradition“, Ann-Christin Schmich den korrumpierbaren Arm des Gesetzes, Simon Rauchholz den wortgewaltigen und moralisch schwachen Dorfgeistlichen.

Die ebenfalls rollenmäßig herausstechende Lehrerin, die sich am längsten ihren humanistischen Idealen verpflichtet fühlt und lange der blutrünstigen Versuchung des Geldes widersteht, vor der sie letztlich aber doch kapituliert, verkörperte Nicola Ditter. Das erst 16-jährige Mädchen brachte die Verzweiflung, die menschliche Schwäche, die angewiderte Einsicht in den eigenen, unausweichlichen Untergang in einer anrührenden und höchst tragischen Weise auf die Bühne. Gänsehautfeeling bei ihrem hochdramatischen „Ich weiß, dass auch zu uns einmal eine alte Dame kommen wird, eines Tages, und dann mit uns geschieht, was nun mit Ihnen geschieht“.


Die Theater-AG hat mit der „alten Dame“ eine weitere, zu recht hochangesehene Inszenierung geschaffen.

Das herausragende Ensemble ist das Ergebnis einer ungewöhnlich langen Kontinuität im Einsatz um die Musen, der im Hockenheimer Gymnasium gepflegt wird: Neben Altmeister Dietrich Brinkmann – der langjährige Regisseur der AG wird im kommenden Jahr 70 Jahre alt und ist seiner Truppe trotz seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst vor einigen Jahren weiterhin treuer Begleiter – und dem ebenfalls langgedienten „Mr. Theater-AG“ Karl-Ludwig Matz sind mit Hildegard Wirth und vor allem mit Anja Kaiser neue Regisseure und Organisatoren zur AG gestoßen, die auch für die Zukunft Verheißungsvolles garantieren: Große Stoffe und große Gefühle.

 

 

 
 

©:Lenhardt (aus: Schwetzinger Zeitung)