2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Reichows „Best of“ versöhnt Gutti und die Jammertaler
04/2011
In früheren Zeiten war er auch schon gekommen, um seine neuen Programme vor dem kulturverwöhnten Hockenheimer Profi-Publikum anzutesten; Mitte März war Lars Reichow mit einem „Best-of“-Programm in den Musentempel gekommen. Ein solcher Streifzug durch die in den Augen des Künstlers besten Nummern der vergangenen Programme birgt natürlich Gefahren: „Warum diese alten Stücke? Die haben doch noch nie Spaß gemacht“. Nicht aber bei einem wie Reichow, bei dem sich das Publikum einig war, dass er eigentlich gar keine wirklich schwachen Nummern hat. Der einst als „Klaviator“ emporgekommene Mainzer Kabarettist, der mit grandiosen Liedern am Flügel die Herzen der Deutschen im Flug eroberte, hat zuletzt als „Unterhaltungskanzler“ den Sturm auf die Berliner „Super-Waschmaschine“ angetreten, auf dem Weg flugs zahlreiche Preise, darunter das Passauer „ScharfrichterBeil“, die „St. Ingberter Pfanne“ und den „Deutschen Kleinkunstpreis“, eingeheimst und plant nun ab Oktober den ganz großen Coup als „Goldfinger“.

Einen Vorgeschmack auf sein Diktat mit dem reichen Anschlag gab er bei seinem Rückblick auf schöne Kabarett- und vor allem Musikmomente.

Da begeisterte seine Hymne für die Frauen („Es gibt Frauen, die sind unerreichbar und die anderen sind leider immer gleich da“), seine kirchenkritische Frage an Gott „Komm ich damit in den Himmel“ und sein grandioses „Der Handwerker“. Schwarfzüngig, mit bisweilen lange und filigran vorbereiteter, treffsicherer Pointe arbeitet Lars Reichow einem Chirurgen gleich im Gedärm der Gesellschaft, schneidet da wo‘s weh tut, legt seine Pianistenhände in die Wunden von Volk und Vaterland, aber auch in die eigenen, wenns sein muss: Sein virtuoses, tief berührendes Nachdenken über das Alter bereits „In der Mitte meines Lebens“ hat Gänsehautfeeling in den Best-of-Abend gebracht.

Dabei beschränkte sich der Ziehsohn Hanns-Dieter Hüschs aber keineswegs auf das bloße Repetieren alter Stücke. Mit einer Akribie und vor allem dieser genialen Mischung aus Einfallsreichtum und Schnüffelnase für Themen band er auch Aktuelles mit ein: Den Erdbebenopfern in Japan sandte er mit „Für mich ist Glück“ die besten Wünsche, Ex-Doktor und Ex-verteidigungsminister zu Guttenberg noch eine kleine Häme mit dem herrlichen Bild, wie Karl Theodor „in der ersten Familienwohnung ohne Kohlenofen“ sitzt und die Gattin zum kleinen Tochter sagt „Psssst! Der Papa schnipselt!“ Nichts ist gerade bei zu Guttenberg passender, als Reichows „Society-Song“: „Kulmbach ist eine Tragödie – jetzt sitzen wieder die anderen Muffköppe da rum“.

Dazwischen ein wenig „Q-Card“, ein kleiner Seitenhieb auf Mubarak, der „30 Jahre lang Fasching gefeiert hat im gleichen Kostüm“ und jetzt wohl bald „nach Diktatur verreist“ von sich geben kann.

All das gipfelte in Lars Reichows Sieger-Hymne, die er den Deutschen Dauernörglern ins Stammbuch geschrieben hat: „Wir sind die Jammertaler oben auf’m Berg“.


Nach einem Abend mit Lars Reichow ist man geläutert, nicht betäubt. Man gewinnt einen neuen Blick auf die Welt und den Menschen: „Ein Wesen mit Anstand und Sitte und mit Wurzeln ganz unten im Neandertal“.