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Erschienen
Die Schöne und das Biest in Hockenheim:
04/1998
Laienhafte Inszenierung und gesangliche Tiefschläge bei "Die Schöne und das Biest".

Eine Taktik, auf die sich auch der Produzent des "Europa-Musical-Theaters", das Mitte April in der Hockenheimer Stadthalle gastierte, trefflich versteht: Den Welterfolg, den der Film "Die Schöne und das Biest" aus den Walt-Disney-Studios feiern konnte, und der darauf aufbauende ebenfalls sehr beachtliche und noch anhaltende Erfolg der Broadway-Produktion als Musical-Adaptation, die derzeit beispielsweise laut umjubelt im Stuttgarter SI-Centrum gegeben wird, hat man gekonnt für sich umgemünzt - und erreichte den gewünschten Effekt. Man muß nur den "Erfolgstitel" "Die Schöne und das Biest" nennen, und schon ist die Stadthalle ausverkauft; so geschehen bei dieser Aufführung.

Was das "Europa-Musical-Theater" dann aber ablieferte, war eine in allen ihren Details auf die Spitze getrieben dilettantische Produktion: Eine Ohrfeige ins Gesicht eines mit fast 50 Mark Eintrittsgeld geschröpften Zuschauers!

Über die musikalische Umsetzung der literarischen Vorlage ließe sich ja noch streiten: Unglaublich flach und ohne jede musikalische Finesse plätschert der immer gleiche Melodienmüll vor sich hin - keine Meisterleistung von Komponist Christoph Schambach, aber ebenso erträglich wie die insgesamt in doch etwas seicht-dümmlichen Texten angelegte Handlung, die von andauernden Handlungsbrüchen durchzogen war.

Auch den desolaten Gesamtzustand der Produktion hätte man vielleicht noch nachgesehen: Ein bei viel Wohlwollen noch als "poppig" zu bezeichnendes Bühnenbild, das aber alles in allem weder zu den Kostümen, noch zur Musik so recht passen wollte. Das Programmheft stellte vollkommen ungewollt genau das Theater vor, das man erlebte. Stand da doch - bei Bildern von Proben und der Kostüm- und Bühnenbildproduktion, die man sonst allenfalls aus Programmheften von Schultheateraufführungen kennt - "Den Ton trifft der nie" oder "Ja, so ähnlich".

Eine wunderbare Zusammenfassung der gesanglichen und schauspielerischen "Leistung" des Ensembles des "Europa-Musical-Theaters". Lieblos heruntergespielte Szenen ohne jedes Leben, eine Regie, die sich offenkundig auf die Anwesenheit im Programmheft beschränkte. Kostüme, die selbst in der Phantasie von Kindern nicht mehr als Materie gewordene Reste eines Transporterunfalls sein konnten: Der "Weinkelch" glich einer lebendigen Stehlampe aus Omas Zeiten, die "Blumenvase" allenfalls einer von Fürstin Glorias Frisuren aus ihren schrillsten Tagen.
Dazu gesellte sich eine Choreographie, die nicht einmal unterstes Mittelmaß anzupeilen in der Lage war und eine bühnentechnische Umsetzung, die sich in Strobo-Effekten erschöpfte: Bravo! Bravissimo!

Überboten wurde diese laienhafte Inszenierung nur noch von den gesanglichen Tiefschlägen der Truppe. Da wurde den Zuschauern eine allenfalls als Krächzen zu bezeichnende Stimme der Antoinette zugemutet, die schöne "Belle", angelegt als ein schüchternes strebsames Jungfräulein, konnte weder darstellerisch, noch gesanglich der Rolle gerecht werden und verblaßte zur schemenhaften "Unschuld vom Lande". Ein seniler Alter hopste als "Vater" mit etwas, das an Harald Schmidts "Müntefering-Haarclips" erinnerte, in einer Art Dämmerzustand über die Bühne und der "Held" Armant war nichts anderes, als ein kleines Würstchen, dem man das Zusammenlegen von Wäsche eher abnehmen konnte, als ein Kampf mit einem Ungeheuer.

Apropos Ungeheuer: Der einzige Balsam auf der Seele des vor Entsetzen starren Zuschauers - wenn der nicht in der Pause ganz nach dem Motto von Walt-Disney-Übersetzer Lutz Riedels "Belles Lied" "Es geht doch nicht, daß ich hier länger bleib" gegangenen war, um den Abend doch noch sinnvoll zu nutzen - war Rafael Hilpert in der Rolle des Biests: Stimmlich wenigstens passable Leistungen und die einzige spürbar engagiertere Hinwendung an die Rolle ließen die Spannung zwischen Tier und Mensch im Biest sinnfällig werden.


Der allenfalls besonders höflich ausgefallene kurze Schlußapplaus dürfte Bände sprechen: Mag es auch den ein oder anderen Zuschauer gegeben habe, der mit einem etwas gequält dahingelächelten "Des war doch schä!" aus der Stadthalle gekommen ist - es war einer der enttäuschendsten Abende, die im Hockenheimer Kulturtempel jemals gegeben wurden.