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Erschienen
„Flügelkämpfe“ mit Schönauer und Voltz turnen ab
11/2010
„Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ – getreu dem Sprichwort ist das neueste Programm des Mainzer Kabarettisten Detlev Schönauer, das der Mann mit der Knubbelnase und dem französischen Akzent Ende Oktober im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ präsentierte, ausgestaltet: Der als „Jacques“ bekannte Baskenmützenträger hat eine Silberhochzeit in seinem Bistro und bekommt den schnöseligen Konzertpianisten Sebastian Voltz vor die Nase gesetzt, der am Abend klimpern soll.

Kein Wunder also, dass sich zwei Herren, von denen jeder der Boss sein will, innerhalb kürzester Zeit aufs Übelste in den Haaren haben. Ihren Streit leben sie in einer rund zweieinhalbstündigen musikalisch-rabiaten Diskussion aus, und das durchaus zum Gefallen zumindest des zahlenden Publikums.

Der Ansatz des von Schönauer selbst mit „Musikkabarett“ titulierten Programms hat durchaus Potential und dazu noch etwas ausgesprochen ehrenwertes: Voltz, seines Zeichens tatsächlich durchaus anerkannter Konzertpianist, versucht, durch neue Begegnungen unterschiedlicher Kunstformen und eine modifizierte Aufführungspraxis, die Patina vor allem von der klassischen Musik abzureiben und neue Bevölkerungsschichten (wieder) für die Musik zu interessieren und zu begeistern.

Konzeptionell hätte das durchaus gelingen können: Über dreißig Musikwerke haben die beiden über den Abend hinweg an-, teilweise sogar durchgespielt. Dennoch bleibt das Doppel bereits im Ansatz stecken; zu platt sind manchmal einfach die um die Musik herum gestrickten Textpassagen, zu billig viele der textlichen Modifikationen einzelner Werke. Nun kann man immer sagen: „Der Applaus gibt dem Künstler recht“. Aber gerade dann, wenn man einen höheren Anspruch an sein Programm hat, als einfach nur unterhaltend zu sein, muss man auch den kritischen Blick darauf zulassen.

Und dieser wird in der in schönauerschem Falsett geschmetterte „Arie der Hure“ kaum wirklich Brauchbares finden: Das ist keine gute Musik, das ist nichtmal halbwegs erträgliche Comedy sonder ein Kalauer auf Teufel komm raus.

Was besonders bedauerlich ist, weil sich durchaus auch echte Schmuckstücke unter den Nummern finden. So drehten die beiden Akteure das alte Volks- und Liebeslied „Kommt ein Vöglein geflogen“ durch den musikalischen Fleischwolf und ließen es – einer nimmer enden wollenden Reprise gleich – mal als Militärmarsch, mal zweistimmig im Stile Mendelssohn-Bartholdys oder aber als Karnevalslied erschallen. Super Ansatz, tolle Ideen, musikalisch teilweise vom allerfeinsten – aber was um Himmels Willen machen dann die „Eiskalten Brüder und die pisswarmen Schwestern“ dazwischen? Was, außer abturnen, selbstverständlich.

Ebenfalls Kleinodien von – vor allem im Umfeld – unschätzbarem Wert zwei Nummern von Kreisler: Den Skandalsong des Wiener Musikers und Kabarettisten dichtete man Riester zur Ehr in „Rentnervergiften im Park“ um, sein „Triangel“ gab man gleich ganz im Original.

Leider blieb die Zahl der wahren Schmuckstücke gering – und damit die Meisterschaft, mit der vor allem Sebastian Voltz aufwarten konnte, weitgehend verschüttet. Der noch junge Pianist hat nämlich wahrlich das Zeug, ganz große Musik zu machen: Eine perfekte Intonation, ein herrlich phantasievolles Improvisieren, eine astreine Technik.


Vielleicht sollte Voltz das Programm auf seinen Stil umstricken und alleine auf Tournee gehen – dann wird er mit seinem musikalischen Ansatz zumindest nicht das gleiche Schicksal erleiden, wie die – prachtvoll im Ausschnitt gegebene – Sinfonie Nr. 7 von Franz Schubert.