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Erschienen
Impro-Theater befreit den Elefant im Fitness-Center
04/2011
Was früher einmal als ein kauziges Nischenprodukt für einige wenige „Kultur-Spinner“ verschrien war, hat auf ungewöhnliche Weise Salonfähigkeit errungen; dafür spricht zumindest die Aufführungs-Frequenz, mit der sich das Improvisationstheater in diesem Jahr unserer Region präsentiert.

Anfang März trug das Heidelberger Impro-Duo Jürgen List und Eugen Gerein vom Ensemble „Als Wir“ im Schwetzinger „theater am puls“ seinen Termin dazu bei. Es wird, soviel darf man ohne übermütig zu werden heute schon festhalten, der inhaltsschwangerste und gleichzeitig poetisch-narrativste Teil des Frühjahrs-Dreiklans des Impro-Theaters gewesen sein: Zusammen mit dem „Special-Guest“ Sabine Strobach von „Drama light“ gab man – umspielt von einigen kleineren Szenen, darunter ein wirklich bemerkenswerter Gromolo-Grand-Prix - eine „Langform“, sozusagen die erzählerische Königsklasse – inspiriert vom bereits vorhandenen Bühnenbild der am Sonntag auf dem Spielplan stehenden „Jacobswegsisters“, eingeleuchtet nach dem Lichtplan der den drei Improvisateuren völlig unbekannten Fitness-Soap, machten sich List, Gerein und Strobach auf in ein 50-Minuten-Abenteuer, bei dem zu keinem Zeitpunkt klar war, wo es enden würde und das doch in einer derart perfekten Einfühlung und blumigen Phantasie ausgelebt wurde, dass manch ein Zuschauer darüber gegrübelt haben dürfte, ob es da nicht doch ein geheim geprobtes Drehbuch gegeben haben könnte. Ganz ohne doppelten Boden wurde um das monströs raumgreifenden Spinbike eine Einfalls-Orgie zelebriert, die es in sich hatte – weniger bezüglich der schnellen Wechsel und harschen Brüche, die man bei den schnellen Spielformen vorfindet, als vielmehr mit schlüssigen, komplex verschachtelten Geschichten, deren Erzählstränge konträr verlaufend den Grundkontrast ins Maximum steigerten: Mal im nächtlichen Fitnesscenter, wo sich die zarte Liebe zwischen russischstämmigem Putzmann und zufälliger nächtlicher Besucherin gegen die Hürden, die der ach „so deutsche“ Putzkollege aus der Gegenschicht aufbaut, durchsetzt zu einer energydrink-befeuerten „Freundschaft, also total, nix wie Winnetou, sondern mit Sex und so“. Der komplementäre Kontrast in der eingeschobenen Schlafzimmer-Szenerie, wo ein entfremdetes Paar zuerst über die Wiederbelebungsversuche des Gatten aus dem Internet-Sexshop stolpert, um schließlich über den eilig sich verabschiedenden Liebhaber („Machs gut! – geile Frau“) zu stürzen und sich in einem melancholischen Trennungsszenarium aufzulösen.

Grandios dabei die überraschenden Wendungen, die jeder Schauspieler für sich und die anderen mit dem eigenen Tun einführt – die Verblüffung war sowohl beim Publikum, als auch bei List und Strobach mit Händen zu greifen, als Gerein plötzlich den davoneilenden Lover ins Schlafzimmer zauberte.

Das ist, was die wahre Größe der Mimen im Improvisationstheater ausmacht: Ideenreichtum und Spontanität, vor allem aber ein vielschichtiger Gestus und eine darstellerische Kraft, die auch unerwartete Wechsel überstehen. Da muss man – auf Zuruf des Publikums oder der Mitspieler oder auf eine musikalische Vorgabe des Pianisten Gerd Baier, der den Abend in Töne fasste - innerhalb von Sekunden zwischen Elefant, Zoodirektor und Maus wechseln können. Das gelang allen Dreien auf äußerst präzise, manchmal sogar geniale Weise. Dabei gab Strobach vor allem den clownesken Part, während Gerein und List, die gut aufeinander eingespielt sind, der eine den humorvoll-wortgewaltigen, der andere den sichtlich begeisterten, auf eine fast unheimliche Weise inspirierten Archetyp einführten.


Nach rund zwei Stunden hinterließen die drei Theater-Meister ein erstauntes, ergriffenes, und vor allem höchst begeistertes Publikum.