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Erschienen
Patricia Wagner begeistert mit Anmut und brillanter Stimme
06/2011
Sie haben sich immer wieder als kleine kulturelle Schmuckstücke erwiesen: Die „Marktkonzerte“ waren meist nicht nur kurze „musikalische Auszeiten“, sondern Kleinodien in Tönen.

Nach langer Winterpause eröffnete Anfang Mai die Stuttgarter Mezzosopranistin Patricia Wagner in der Evangelischen Stadtkirche die neue Konzertsession und setzte einen weiteren Edelstein in die Fassung: Die „heimgekehrte Tochter“ – Patricia Wagner stammt ursprünglich aus Ketsch (wir berichteten) – präsentierte ihrem Publikum, darunter auch ihre erste Gesangslehrerin Christa Mohrig, viel Bach, mit „Virgam Virtutis“ aus „Dixit Dominus“ ein Jugendwerk Händels, sehr beeindruckend ein Gebet Hugo Wolfs, aber auch zwei italienische Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts.

Bereits vom ersten Ton an überzeugt die junge Sängerin, die in Hockenheim lange bei der Liedertafel sang, vor allem aber mit dem Chor des Gauß-Gymnasiums große Erfolge feierte, mit einer vollen, sehr reifen Stimme, deren reiche Farbe fasziniert, deren feste Sicherheit ergreift und deren leichte, reine Höhe berührt. Vom frischen, grundfröhlichen Einstieg mit Bachs „Et exsultavit“ aus dem Anfangsteil des „Magnificat“ – eine Sopran-Partie, die Wagner auch in den höheren Passagen mit Bravour gibt – über Benedetto Marcellos phantasievolles, weit ausgreifendes „Quella fiamma“, dessen Gefühl und dramatischem Tiefgang sie mit Anmut und einer eindringlichen emotionalen Präsenz begegnet, bis zum aufrüttelnd-optimistischen Schlusspunkt mit Giacomo Carissimis sprühenden „Vittoria, Vittoria“ imponiert Patricia Wagner: Mit ihrem ungespreizten, natürlich-charmanten Habitus, der Ernsthaftigkeit atmet, ohne dabei die sprühende Freude an der Musik und dem Gesang zu verstecken. Mit einer Authentizität, die ansteckend wirkt und die den Wert der geistlichen Musik noch einmal steigert. Vor allem aber mit ihrer Stimme, die innerhalb des ungewöhnlich weit gesteckten Ambitus lagenunabhängig gepflegt, rein und kraftvoll überzeugt. Auf der gut gegründeten Tiefe baut Patricia Wagner eine vielschichtige, bisweilen geradezu explodierende Höhe auf, mit der sie fast spielerisch das Kirchenschiff erfüllt; dabei beschallt sie nicht – sie beseelt.

Kein Wunder, dass die sonst eher disziplinierten Marktkonzert-Besucher sich kaum zurückhalten konnten und der Sängerin, die als ständige freie Mitarbeiterin beim Kölner WDR-Rundfunkchor und beim Chor des Bayerischen Rundfunks, aber auch bei der „Gächinger Kantorei“ singt und zahlreiche internationale Auftritte absolviert hat, reichlich Zwischenapplaus spendeten.

Christian H. Bühler war – ausnahmsweise – nicht an seinem „Stamminstrument“ der Orgel, sondern am Klavier zu hören: Als verlässliche, durchaus mit eigenständigem Beitrag hörbare Begleitung für die Sängerin, aber auch mit zwei kurzen Soli. Die „Allemande“ aus der dritten der so genannten „Englischen Suiten“ Bachs, gibt Bühler so nah am Text, wie das mit einem Klavier als Cembalo-Ersatz möglich ist, ohne dabei auf die Freiheit einer eigenständigen Interpretation zu verzichten. Die kleine Miniatur „Arietta“ aus der Feder des weithin unbekannten lettischen Zeitgenossen Ādolfs Skulte spielt der Hockenheimer Kantor in seiner ganzen ausladenden Üppigkeit, der er ihren Esprit und ihren ernsten Grundton gleichermaßen belässt.


Das Marktkonzert mit Patricia Wagner war ein kleines, aber wunderbares Musikereignis und ein grandioser Appetizer: Die Zuhörer verlangten begeistert danach, die beeindruckende Stimme viel länger und viel ausführlicher zu hören. Der brandende Applaus mochte ein Zeichen dafür sein – die beseelten Augen waren der Beweis.



Eine baldige Chance auf mehr gibt es bei der Weihe der neuen Orgel in der Evangelischen Kirche in Ketsch am 12.06.2011, die Patricia Wagner musikalisch umrahmen wird.